© Laura Goede

HIMBEER im Gespräch mit Anile Tmava

Anile Tmava ist Preisträgerin des THEO Preis für Junge Literatur 2012. Bei einem Besuch in der HIMBEER-Redaktion hat die Dreizehn-Jährige uns erzählt, was sie zu ihrem Text inspiriert hat, wie sie zu den Schreibenden Schülern gestossen ist und dass sie eigentlich gar nicht so literaturbegeistert ist...

Seit mittlerweile vier Jahren findet der Schreibwettbewerb THEO in Berlin und Brandenburg statt und bringt auch 2012 wieder junge Talente und fantastische Texte ans Licht. Der Literaturpreis wird alljährlich vom Börsenverein des Deutschen Buchhandels Landesverband Berlin-Brandenburg e.V. gemeinsam mit dem Verein Schreibende Schüler e.V. ausgerufen.

Ziel des Wettbewerbs ist es, Kindern und Jugendlichen die Begeisterung für die Literatur nahezubringen und ihre eigene Kreativität zu wecken. Das 2012er Motto „Maschinen“ hat dabei wieder zahlreiche Teilnehmer zu bemerkenswerten Texten inspiriert – Die Preisträgerin Anile Tmava (13) fragt sich in ihrem Text Meine Geschichte, was passiert, wenn ein Mensch kein „Benzin“ mehr zum Funktionieren hat. Die Berlinerin hat der HIMBEER-Redaktion einen Besuch abgestattet und sprach mit uns über ihren Text, den THEO und ihre Leidenschaft fürs Schreiben.

 

Schreibst du regelmäßig? Und könntest du dir vorstellen, später beruflich etwas mit Schreiben zu machen?
Ich schreibe relativ regelmäßig. Ich treffe mich oft mit anderen Leuten und dann schreiben wir, zum Beispiel machen wir Schreibspiele. Das nennt sich „Schreibende Schüler“. Von diesem Verein wird auch der THEO organisiert. Später möchte ich auf jeden Fall irgendwas mit Schreiben machen. Aber vielleicht ja auch nur als Hobby. Es ist jetzt nicht mein größter Wunsch. Aber es macht mir schon sehr viel Spaß und ich werde auf jeden Fall weitermachen.

Ich schreibe ja Kurzgeschichten. Für lange Geschichten bin ich überhaupt nicht begabt. Lang kann ich gar nicht. Deshalb glaube ich nicht, dass ich mal irgendwann ein Buch zustande bringe.

 

Wodurch wurde deine Lust am Schreiben ausgelöst?
Zuerst hatte ich überhaupt nichts damit am Hut. Dann hat meine Deutschlehrerin die ganze Klasse aufgefordert, einen Text zu schreiben. Zu dem ersten THEO, bei dem ich mitgemacht habe. Das war 2010 zum Thema „Umwege“.

Ohne meine Lehrerin wäre ich nie auf die Idee gekommen, zu schreiben. Sie hat die Texte von der ganzen Klasse eingeschickt. Und dann wurde ich eingeladen auf eine Literaturwoche in den Sommerferien, dort schreiben und diskutieren wir beispielsweise über Texte. Und das hat mir soviel Spaß gemacht, dass ich häufiger hingefahren bin. Ich bin auch zu kurzen Lyrik-Wochenenden gefahren. Dort fahre ich demnächst wieder hin. Ja, und so ist das gekommen.

 

Worüber schreibst du sonst? Was ist denn so dein Lieblingsthema?
Eigentlich habe ich kein wirkliches Lieblingsthema. Ich schreibe nur immer relativ abstrakt. Sachen, von denen ich gar nicht wirklich weiß, wovon sie handeln. Also es muss nicht real sein, aber ich schreibe nicht über Drachen und Feen. Ich schreibe von normalen Menschen, denen aber auch seltsame Sachen passieren.

 

Wie stehst du zu dem Thema des THEO 2012 – „Maschinen“? War es für dich schwierig darüber zu schreiben?
Mir ist eigentlich ziemlich viel dazu eingefallen. Aber ich wollte nicht über einen Roboter schreiben. Das stand eigentlich von Anfang an fest. Deswegen habe ich mich ein bisschen mehr darum gekümmert und hab‘ dann im Endeffekt diese Frau mit einer Maschine verglichen. Wenn in dem Text keine Maschine vorhanden wäre, würde er trotzdem funktionieren. Er hat nicht wirklich viel mit Maschinen zu tun.

 

Hast du 2011 auch am THEO teilgenommen?
Nein, habe ich nicht. Das Thema war „Kopfüber“ und dazu ist mir wirklich gar nichts eingefallen. Jetzt im Nachhinein denke ich mir: „Ach, ich hätte ja das, das, das und das noch alles schreiben können“, aber das hatte ich auch überhaupt nicht geplant und dann habe ich halt erst wieder 2012 mitgemacht.

 

Aber da wolltest du dann von dir aus auch wieder mitmachen?
Ja, das war von mir aus. Weil ich dann wieder bei so einer Literaturwoche in den Winterferien war und es mir wieder richtig Spaß gemacht hat. Ich hatte nach der ersten Literaturwoche 2010 nicht mehr so viel damit zu tun. Aber wollte ich unbedingt wieder dabei sein und dann habe ich mitgemacht.

 

Wie lange hast du zum Schreiben deines Textes „Meine Geschichte“ gebraucht?
Ich habe den Text im Deutschunterricht geschrieben und dann zu Hause noch einzelne Worte raus- oder reingenommen. Aber grob war alles in einer Unterrichtsstunde fertig.

 

Wie fühlst du dich als Preisträgerin?
Ich war stolz. Und auch als ich dann in der Literaturwoche war, konnte ich zu viel Älteren in die Gruppe. Das fand ich natürlich toll, dass mir zugetraut wurde, bei denen mitzumachen. Das hat mich total gefreut.

 

Wie bist du auf den Text gekommen? Ist es eine wahre Geschichte?
Nein überhaupt nicht. Es ist nicht wahr oder autobiographisch.
Ich weiß nicht genau, wie ich darauf gekommen bin. Ich saß im Klassenzimmer und hab‘ aus dem Fenster geguckt. Und dann habe ich mir vorgestellt, dass da eine Frau betrunken lang läuft und wie es denn so wäre. Und daraufhin habe ich die Geschichte aufgeschrieben.

 

Deine Freunde und Familie, wie haben die darauf reagiert, dass du gewonnen hast?
Also meine Mutter war, glaube ich, sehr stolz. Meine Freunde sind eigentlich auch ziemlich glücklich. Die haben mir das auf jeden Fall gegönnt. Und sie wissen ja auch, dass ich immer zu diesen Literaturtreffen fahre und dass ich das gerne mache. Und jetzt steht auch der THEO, diese Figur, der Pokal bei mir zu Hause und meine Freundin guckt sich den immer an und findet den ganz toll.

 

Wie fanden sie deinen Text? Fanden sie ihn verstörend?
Nein, ich glaube nicht. Erst habe ich den Text im Unterricht geschrieben und dann hatten wir nochmal die Möglichkeit unsere Texte vorzulesen, die wir geschrieben haben. Ich habe meinen Text vorgelesen und mein Lehrer meinte so „Joa… ok… weiter…“. Da war ich mir zuerst gar nicht mehr sicher, ob ich den wirklich einschicken soll, aber meine Freundin meinte, der war richtig toll. Und deswegen habe ich den dann doch eingeschickt.

 

Hat dein Text eine Botschaft?
Eigentlich ist es nur eine Geschichte. Man könnte aber darüber nachdenken, dass dieses ältere Geschwisterkind, ich weiß noch nicht einmal, ob es ein Junge oder ein Mädchen ist, die ganze Verantwortung für das kleine Geschwisterkind trägt und nicht die Mutter. Und ob das nicht vielleicht andersrum sein sollte… Außerdem sagt die kleine Schwester ja eigentlich die Wahrheit, dass es ihre Mutter ist. Das große Geschwisterkind lügt. Also macht das kleine Geschwisterkind in dem Moment eigentlich das Richtige. Aber so wirklich drüber nachgedacht habe ich nicht.

 

Was würdest du einem Kind empfehlen, dem Ähnliches wie deiner Hauptfigur passiert?
Ich selber würde, glaube ich, dazu stehen, dass es meine Mutter ist. Ich würde wahrscheinlich zu ihr hingehen, oder sie vielleicht nach Hause begleiten. Aber ich glaube, ich würde diesem Kind raten, der Mutter irgendwie Hilfe zu hohlen. Aber nicht unbedingt in die Entzugsklinik. Denn ich denke, das Kind hängt sehr an der Mutter, da es ja schon früher hätte etwas sagen können.

 

Was glaubst du, was uns Menschen von Maschinen unterscheidet?
Das Wichtigste?… Na, wir denken selber.

 

Aber Maschinen denken ja jetzt auch teilweise schon selber.
Aber die können keine Texte schreiben.

 

Wie glaubst du würde das Leben der beiden Kinder aussehen, wenn die Mutter Benzin zum Funktionieren hätte?
Ich glaube, sie wären glücklicher, zu Hause zumindest. Aber vielleicht wären die beiden Geschwister dann auch nicht so stark aneinander geschweißt.

 

Wie könnte die Geschichte weiter gehen?
Ich glaube, die Schüler würden noch weiterhin auf dem Gang stehen bleiben und diese Frau angucken. Die kleine Schwester würde vielleicht noch zur Mutter hingehen, weil sie sehr an ihr hängt. Und das große Geschwisterkind würde sich abwenden und die Mutter alleine da stehen lassen. Vielleicht nicht, weil es peinlich vor den anderen ist, sondern um der Mutter zu zeigen, dass es in dem Moment nicht zu ihr gehören möchte.

 

Warum denkst du, ist es für Menschen wichtig, das Thema „Maschinen“ zu behandeln?
Vielleicht weil Menschen immer denken, dass… Zum Beispiel ein Computer kann ja viel besser rechnen als wir. Dann denken die immer, die Maschinen übernehmen jetzt alles und sind viel besser als wir selbst. Aber trotzdem versuchen sie immer noch darin das Gute zu sehen, dass Menschen immer noch alleine Sachen machen können, ohne von irgendetwas oder irgendjemandem angetrieben zu werden.

Wenn ich jetzt eine Geschichte schreibe, dann ist das ja alles, was in meinem Kopf ist. Und Maschinen können sich Sachen nicht selber ausdenken, die sie aufschreiben. Deshalb denken die Menschen vielleicht, sie sind nicht mehr soviel wert, weil es jetzt so viele Maschinen gibt, die viel mehr können als sie. Sie müssen vielleicht noch daran erinnert werden, dass sie selber auch was können, was Maschinen nicht können.

 

Unter welchen Umständen bist du am kreativsten? Wodurch wird deine Kreativität angeregt?
Ich habe einen Block, so ein buchartiges Ding, in das ich meistens schreibe. Das hat ein schönes Cover mit Blumen drauf. Und immer wenn ich das angucke, habe ich total Lust in diesem Buch zu schreiben. Das ist meistens der Auslöser dafür, dass ich anfange zu schreiben.

In den Literaturwochen machen wir manchmal Schreibspiele, bei denen einfach irgendwelche Worte aneinander geschrieben werden und man nicht absetzen darf. Zum Beispiel schreibt man Baum – Haus – Katze – Wüste – Afrika. Dann erschließt man Zusammenhänge und schreibt aus diesen Worten etwas.

Ich habe auch noch eine Dose. Darin sammle ich Wörter oder Sätze, die ich aus der Zeitung oder so ausschneide. Und wenn mir gar nichts mehr einfällt, dann guck‘ ich da rein und dann schreibe ich etwas dazu.

 

Bist du auch in anderen Bereichen kreativ?
Ja, ich spiele Cello. Das spiele ich jetzt seit sieben Jahren. Und ich spiele auch im Orchester, das ist cool.
Also künstlerisch bin ich eher nicht so… Aber da ich auf einer künstlerisch, musikalisch und Altsprachen betonten Schule bin, werde ich viel damit konfrontiert. Ich mag zum Beispiel Gerhard Richter, also mehr so abstrakte Kunst und moderne Sachen. Ich mag eigentlich alles, was modern ist. Am meisten mag ich moderne Musik. Die ist meistens ziemlich dissonant. Kunst auch. Wie gesagt, Gerhard Richter und so etwas.

 

Was sind deine Lieblingsorte in Berlin?
Da ich am Schloss Charlottenburg wohne und dort relativ leicht hinkomme, bin ich da, zumindest im Sommer, relativ häufig. Außerdem bin ich gerne in der Deutschen Oper.

 

Hast du einen Lieblingsautor bzw. ein literarisches Vorbild?
Ein literarisches Vorbild habe ich eigentlich nicht. Aber ich lese sehr gerne Kevin Brooks.

 

Was sind deine Lieblingsbücher und was gefällt dir an ihnen?
Ich lese leider nicht so viel. Das ist bei vielen ganz anders. Eigentlich alle, die ich kenne und die schreiben, lesen richtig viel. Und ich bin irgendwie die, die gar nichts liest. Ich habe aber ein Lieblingsbuch. Das heißt Herznah, von Ernst Ferstl. Das ist sehr kitschig, der Titel zumindest. Aber das Schöne daran ist, dass es so kurz ist. (lacht)
Es ist schön, aber auch total seltsam geschrieben. Weil es aussieht wie ein Gedicht, nur in Stichpunkten geschrieben, aber es ist eigentlich eine richtige Geschichte.

Immer wenn ich in den Urlaub ein Buch mitnehmen soll und meine Mutter meint „Jetzt lies doch mal!“, dann nehme ich jedes Mal wieder dieses Buch mit. Ich habe es bestimmt schon 10-15 Mal gelesen.

Wir danken dir für das Gespräch!

Das Interview führten Laura Goede und Sophie Gottschall.