Lesetipps für den Sommer

An vielversprechenden Neuerscheinungen mangelt es nicht, wenn man sich auf der Suche nach passender Urlaubslektüre durch den Buchladen stöbert. Wir helfen euch bei der Auswahl und stellen unsere persönlichen Lesetipps für Erwachsene für den Sommer vor.

Vergangene Jugend: „Auerhaus“ von Bov Bjerg

Um dieses Buch kommt in diesem Jahr keiner herum, selbst Maxim Biller vom Literarischen Quartett hat laut eigener Aussage auf ein Werk wie dieses gewartet. Sicher sind literarische Erinnerungen an eine Jugend in den Achtzigern keine Neuheit, Bov Bjerg hat es jedoch mit „Auerhaus“ geschafft, jenseits von bloßer Nostalgie und Sentimentalität authentisch von einer ganz besonderen Zeit des Lebens zu erzählen.
Nach dem missglückten Selbstmordversuch von Frieder raten ihm die Ärzte der Psychiatrie, nicht mehr mit seinen Eltern zusammenzuwohnen. Ganz allein soll er jedoch auch nicht sein. Seinem Freund Höppner fällt es mit fiesem Stiefvater und endloser Langeweile daheim nicht schwer, seinem Zuhause den Rücken zu kehren und als Unterstützung für Frieder mit ihm gemeinsam in das leerstehende Bauernhaus seines Großvaters einzuziehen. Zu den beiden gesellen sich die pathologische Brandstifterin Pauline, der schwule Elektrikerlehrling Harry, Höppners Freundin Vera und die aus reichem Elternhaus stammende Cäcilia. Sie alle eint die Sehnsucht nach einem „Mehr“ fernab von vorgezeichneten Lebenswegen ohne Höhen und Tiefen. So beginnt das letzte Oberstufenjahr als ein Erwachsensein auf Probe in der schwäbischen Provinz und das Auerhaus gerät ein Jahr lang zu einer Art alternativem Zwischenort. „Wir hatten immer so getan, als ob das Leben im Auerhaus schon unser richtiges Leben wäre, also ewig“, erinnert sich der Ich-Erzähler Höppner. Was man zum Leben braucht, wird im Supermarkt geklaut, wer mit dem Abwasch in Verzug gerät, wird mit Bild auf dem RAF-Fahndungsplakat in der Küche verewigt. Es folgen wilde Party, lange Abende mit billigem Alkohol am Kassettenrekorder und selbstgerechter Tzatziki – dieser Popsound überdeckt jedoch nicht die leisen und feinen Töne, mit denen Bjerg in einer Mischung aus Melancholie und Euphorie der Jugend eine wunderbare Coming-of-Age-Geschichte erzählt. (ak)

Bov Bjerg: Auerhaus | Blumenbar 2015 | 240 Seiten | gebunden | 978-3-351-05023-8 | 18,00 Euro

 

Das böse Landleben: „Unterleuten“ von Juli Zeh

Nicht erst seit Judith Hermann’s „Sommerhaus“ ist es für viele Berlinbewohner der große Traum, nach Brandenburg auszuwandern und der Stadt den Rücken zu kehren. Die Vorstellung vom Leben auf dem Land lockt auch die Protagonisten in Juli Zeh’s neuem Roman: Vogelschützer Fließ und seine junge Frau erhoffen sich mit ihrem frisch geborenen Nachwuchs eine ruhige Idylle mit nachbarschaftlicher Dorfgemeinschaft und Blick auf naturbelassene Landschaften. Doch die vermeintliche Idylle gerät schnell zum Albtraum, als der Nachbar anfängt, auf dem Hof seinen Schrott zu verbrennen, so dass ein Leben nur noch mit geschlossenen Fenstern möglich ist. Auch die anderen alteingesessen Dorfbewohner, für die die DDR noch keine Vergangenheit ist, treffen sich lieber auf einen Bromerlunder in der Dorfkneipe und kümmern sich ansonsten um ihre Angelegenheiten. Als der Unternehmensberater Konrad Meiler großflächig Land aufkauft und daraufhin auch noch ein Windpark in der Gemeinde errichtet werden soll, beginnt es in Unterleuten zu schwelen und totgeglaubte Konflikte treten wieder zu Tage… Detailgenau entwirft Juli Zeh ein literarisches Soziogramm vom Leben in der Brandenburger Provinz, das den Leser gänzlich in seinen Bann zieht. Wunderbare Sommerlektüre! (ak)

Juli Zeh: Unterleuten | Luchterhand 2016 | 640 Seiten | gebunden | 978-3-630-87487-6 | 24,99 Euro

 

Ich les‘ was, was du nicht liest: Sich verlieben hilft von David Wagner

Was macht mehr Sinn, als in einem Artikel über Leseempfehlungen ein Buch zu empfehlen, dass selbst Empfehlungen ausspricht? Dabei ist das handliche Werk von David Wagner natürlich viel mehr als das. In kurzweiligen Artikeln nimmt er uns mit in sein persönliches Universum der Bücher und Serien und mäandert dabei durch die Kulturgeschichte: Von Darth Vader bis zum Graf von Monte Christo, von Peter Handke bis Hanna Lemke, von fast zweitausend Jahre alten Romanen bis zur erfolgreichen HBO-Serie „Girls“ reicht die Bandbreite von Wagners Kosmos. Auf seinem Spaziergang lässt er uns teilhaben an besonderen Leseerfahrungen, die Spuren hinterlassen haben, an überraschenden Neuentdeckungen ebenso wie an wiederentdeckten Schätzen. Insofern liest sich das charmante Werk nicht wie ein Reigen an Inhaltsangaben und Bewertungen, vielmehr dürfen wir mit Wagner umherstreifen und dabei sein, wenn er sich im Iran über raubkopierte Ebooks freut, auf der Fähre nach Piombino im New Yorker liest oder zu Hause im Bett dem Romanhunger verfällt. Es braucht nicht lange, bis wir uns in dieses Buch verlieben. (ak)

David Wagner: Sich verlieben hilft | Verbrecher Verlag | 144 Seiten | gebunden | 9783957321572 | 19,00 Euro

 

Das Jahrhundertwerk: „Manhattan Transfer“ von John Dos Passos

„Der Urmeter der Moderne“ – so betitelt Die Welt den Jahrhundertroman von John Dos Passos. Bereits 1925 erschienen zählt „Manhattan Transfer“ zu den ganz großen literarischen Meisterwerken und gilt als Grundstein des Großstadtromans. Collagenartig zeichnete Dos Passos ein Panorama des modernen Lebens in New York in all seinen Facetten von den letzten Jahren des 19. Jahrhunderts bis in die Zwanziger Jahre hinein. Nicht nur wegen der unkonventionellen, filmischen Technik hat das Buch bei seinem Erscheinen für Furore gesorgt – auch die Beschreibung der Metropole mit all ihrer Schnelllebigkeit, Hektik und Vielschichtigkeit, mit all ihren Möglichkeiten und Wegen hat Maßstäbe gesetzt. Die Stadt ist eine große Masse, aus der sich im Roman immer wieder einzelne Figuren lösen und deren Schicksal der Leser ein Stück begleiten darf. Jede von ihnen ist auf der Suche, droht sich aber in der Stadt immer wieder zu verlieren…
Anlässlich der großartigen Hörspiel-Fassung vom SWR ist Dos Passos‘ literarischer Gigant neu übersetzt worden und lädt knapp 90 Jahre nach Erscheinen wieder dazu ein, in das Leben vom New York der Jahrhundertwende einzutauchen. Ohne Frage eine Einladung, der man folgen sollte! Ein großartiges Leseerlebnis, das noch lange nachklingt. (ak)

John Dos Passos: Manhattan Transfer | Rowohlt 2016 | gebunden | 544 Seiten | 978-3498050467 | 24,95 Euro

 

Menschlich, allzu menschlich: „Albuquerque“ von Florian Wacker

Ein Debüt wie man es sich nur wünschen kann – Florian Wacker überrascht in seinem Erstlingswerk mit 14 wunderbaren Erzählungen, in denen die Atmosphäre so dicht ist, dass man sich bisweilen selbst in schäbigen Hotels, schlecht beleuchteten Stationszimmern oder der einsamen Provinz wähnt. Die Figuren heißen Kolb, Hackenbarth oder Bunge, sie leben gewöhnliche, alltägliche Leben und scheinen doch alle einen Punkt zu haben, an dem Abgründe sichtbar und neue Wege möglich werden. Sprachlich auf ganz hohem Niveau sitzt hier jedes Wort, ohne störendes Beiwerk ist Wecker mit seinen Erzählungen ganz bei seinen Figuren und schafft es, auch mit wenigen Worten alles zu sagen. Short Storys im besten Sinne, die uns viel über das Menschsein zu erzählen haben. Großartig! (ak)

Florian Wacker: Albuquerque | mairisch Verlag | 160 Seiten | gebunden | 978-3-938539-32-3 | 16,90 Euro

 

Von Rausch und Ruhm: „Panikherz“ von Benjamin von Stuckrad-Barre

Die einen lieben ihn, die anderen hassen ihn. Eins kann man aber zweifelsohne sagen: Benjamin von Stuckrad-Barre hat die Gegenwartsliteratur und jede Menge Leser und vor allem Leserinnen nachhaltig geprägt. Mit seinem Debüt „Soloalbum“ aus dem Jahr 1998 und neben Autoren wie Christian Kracht hat er der Popliteratur ein Gesicht gegeben, ob das immer so ein positives war, sei dahingestellt. Sein noch junges und bewegtes Leben hat er zum Anlass genommen und in seinem neuen, autobiografischen Buch „Panikherz“ veröffentlicht. Darin offenbart er auf fast 600 Seiten ein ausführliches, selbstkritisches und ehrliches Portät seiner Selbst – von den Anfängen seiner musikalischen Liebe zu Udo Lindenberg, seinem Weg in die Musikbranche, dank Generation Praktikum, über die Zeit bei Harald Schmidt, den Wunsch nach Anerkennung, seine Rastlosigkeit bis hin zu Magersucht, Drogensucht und mehreren Klinikaufenthalten. Anekdotenhaft blickt Stuckrad-Barre aus dem Exil im legendären Chateau Marmont in Los Angeles auf all seine Höhen und Tiefen zurück, trifft dabei eine Menge Bekannte, von Thomas Gottschalk bis hin zu Bret Easton Ellis. Ein Buch, das sich trotz seiner schweren Kost, aber dank seines Humors kurzweilig lesen lässt, und für alle, die etwas für Pop übrig haben und den Mythos Stuckrad-Barre ein wenig aufbrechen wollen. (sg)

Benjamin von Stuckrad-Barre: Panikherz | Kiepenheuer & Witsch 2016 | 576 Seiten | gebunden | 978-3-462-04885-8 | 22,99 Euro

 

Morbide Highschool-Story: „Alff“ von Jakob Nolte

Eine Highschool, Außenseiter-Teenager und die erste große Liebe – man könnte meinen, es handelt sich bei „Alff“ um einen Coming-of-Age-Roman. Doch das Erstlingswerk des in Theaterkreisen nicht unbekannten Jakob Nolte ist viel mehr als das. „Als klarwurde, dass Benjamin ein verstorbener junger Mann ist, knipste sich Nataly den Ring vom Ringfinger und den Ringfinger von der Hand.“ Der Roman ist ein wahrer Mystery-Thriller, voller schwarzem Humor, drastischen Schilderungen, die einen angewidert das Gesicht verziehen lassen, und klugem Wortwitz. Jakob Nolte verortet die Kriminalgeschichte um den „Vollstricker“, der Schüler aus der High & Low Highschool ermordet und brutal zur Schau stellt, in das kleinstädtische Amerika der 90er Jahre. Das Ganze erinnert mit seinem verträumten, hinterwäldlerischen Flair, dem Schuss Absurden wie Surrealistischen und nicht zuletzt Agent Donna Jones an die Kultserie „Twin Peaks“. Das erste Opfer ist Benjamin MacNash, dessen Leiche eingenäht in den Zaun des Baseballfeldes ausgefunden wird. Es folgen Weitere, sie alle waren Mitglieder des Debattierclubs. Zugegeben, „Alff“ ist kein Buch, das man schnell runterliest. Mann muss es wirken lassen, einen Absatz mehrmals, gerne auch mal laut lesen. Dann wird klar, dass es einen so schnell nicht mehr loslässt. Wem morbide Kriminalgeschichten à la „True Detective“ gefallen und wer nicht nur nach einem seichten Crime-Pageturner sucht, dem sei dieses Buch unbedingt empfohlen. (sg)

Jakob Nolte: Alff | Matthes & Seitz 2015 | 256 Seiten | gebunden | 978-3-95757-142-7 | 18,00 Euro

Text: Antje Kölling/Sophie Gottschall

 

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