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7 Fragen an Bernadett Kis von Kleine Lotte

Von der Bratschistin zur Pionierin für frühe musikalische Erlebnisse: Bernadett Kis ist Musikerin, Kulturvermittlerin und Gründerin des Kinderkonzerthauses Kleine Lotte. Im Interview spricht sie über ihren beruflichen Wandel, prägende Momente und warum ihre beiden Töchter Lili und Luisa dabei wichtige Wegweiserinnen waren.

Bernadett Kis kommt ursprünglich aus Ungarn, ist in Budapest aufgewachsen und lebt seit 2013 in Berlin. Sie kam zum Studieren an der Hochschule für Musik „Hanns Eisler“ in die Stadt und ist geblieben. Berlin hat sie ziemlich schnell gepackt. Hier hat sie ihre Töchter zur Welt gebracht und das Kleine Lotte Kinderkonzerthaus gegründet.

Bernadett Kis Von Kinderkonzerthaus Kleine Lotte In Berlin Im 7 Fragen An ... Interview Von Himbeer
Bernadett Kis © Ruth Urban

Bernadetts Weg begann ganz klassisch: Schon während des Studiums spielte sie in Orchestern gespielt, unter anderem im Rundfunk Sinfonieorchester Berlin und als stellvertretende Solo-Bratschistin im Konzerthausorchester Berlin. Gleichzeitig merkte sie, dass sie sich nicht  langfristig in dieser klassischen Orchesterlaufbahn sieht.

Immer stärker interessierte sie, wie man Musik für mehr Menschen zugänglich machen kann – auch außerhalb des Konzertsaals. Bernadett Kis hat viele moderierte Konzerte in sozialen Einrichtungen gespielt und 2013 die Puppenphilharmonie Berlin gegründet. Damit bringen sie und ihre Mitstreiter:innen Musik an ganz unterschiedliche Orte – in Konzertsäle genauso wie in Kitas, auf Festivals oder an Orte, an denen man klassische Musik vielleicht nicht unbedingt erwartet.

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Bernadett Kis hat 2013 die Puppenphilharmonie Berlin gegründet. © Martin Waltz

Ein echter Wendepunkt war die Geburt ihrer ersten Tochter Lili 2016. Plötzlich merkte Bernadett, wie schwer es sein kann, mit Baby oder Kleinkind überhaupt ein Konzert zu besuchen. Diese Lücke ließ sie nicht los – so begannn sie, eigene Baby- und Kinderkonzerte zu entwickeln.

Auf dem Weg hat sie viel ausprobiert: Was brauchen Kinder wirklich? Was brauchen Eltern? Und wie können sich auch die Musiker:innen wohlfühlen? Für Bernadett war dabei immer wichtig, dass die Musik im Mittelpunkt steht – nicht ein überladenes pädagogisches Konzept.

2020 gründete Bernadett Kis dann die Kleine Lotte Kulturvermittlung gGmbH, um diese Arbeit langfristig weiterzuentwickeln. Dabei lernte sie, Förderanträge zu schreiben, Budgets zu planen und Projekte zu managen – so wurde sie aus der Praxis heraus zur Kulturmanagerin.

7 Fragen an Bernadett Kis

Wie hat deine eigene musikalische Reise begonnen?

Meine Mutter hat mich mit vier Jahren in die staatliche Musikschule in Budapest gebracht. Nach ein paar kleinen Tests wurde ich gefragt, welches Instrument ich lernen möchte.

Ich wollte unbedingt Flöte spielen – aber meine Finger waren noch zu klein, ich kam nicht bis zum letzten Loch der Blockflöte.

Klavier wäre meine zweite Wahl gewesen, aber wir hatten keines zu Hause, und Keyboards waren damals noch nicht erschwinglich. Also blieb die Geige – ganz klassisch.

Was mich von Anfang an fasziniert hat: Hinter diesen kleinen schwarzen Zeichen steckt plötzlich Musik. Ich konnte noch keine Buchstaben lesen, aber schon Noten. Wie eine Geheimsprache.

In Ungarn wird viel mit Solmisation gearbeitet, das hat mir einen sehr direkten Zugang zur Musik ermöglicht. Trotzdem war ich ganz sicher kein Wunderkind – ich gehörte eher zu den Kindern, bei denen niemand gedacht hätte, dass sie einmal Musiker:in werden.

In der Musikschule habe ich früh im Streichquartett und im Orchester gespielt. Ich war immer eingebunden – musikalisch und auch sozial. Mein Instrument war mein täglicher Begleiter, fast wie ein bester Freund, und gleichzeitig ein Schlüssel zu gemeinschaftlichen Erlebnissen.

Mit dem Blick von heute würde ich sagen: Musik war für mich als Kind auch eine Art Therapie – ein Raum, in dem ich mich ausdrücken konnte, ganz ohne Worte. Den Traum, Musikerin zu werden, hatte ich allerdings nie.

Gab es einen Moment, in dem du wusstest: Musik wird mein Lebensweg? Musstest du dabei Herausforderungen überwinden?

Ehrlich gesagt: nein. Es gab keinen klaren Moment, in dem ich dachte „Das wird mein Weg“. Vieles hat sich eher Schritt für Schritt ergeben.

Mit 13 habe ich zur Bratsche gewechselt – vor allem, weil ich damit im großen Sinfonieorchester der Musikschule mitspielen konnte. Wir sind viel auf Reisen gegangen, auch ins Ausland, und das Niveau war deutlich höher als im kleineren Streichorchester. Das hat mich total gereizt.

Die Bratsche war damals kein besonders beliebtes Instrument, was mir den Weg ins Konservatorium tatsächlich erleichtert hat – es gab einfach weniger Konkurrenz. Ich habe diese Chance eher pragmatisch ergriffen, ohne einen großen Masterplan.

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2020 gründete Bernadett Kis die Kleine Lotte. © Bernadett Kis, Pressthebutton

Was ich allerdings völlig unterschätzt habe: wie man richtig übt. Also nicht nur wie, sondern auch wie viel. Diesen Anspruch an Genauigkeit und Perfektion, der im Musiker:innenberuf einfach dazugehört, musste ich mir hart erarbeiten. Irgendwann habe ich verstanden: Wenn ich wirklich viel und konzentriert übe, werde ich besser – aber das war ein Lernprozess.

In Berlin hat sich dieses Niveau dann noch einmal enorm gesteigert. Fünf bis sechs Stunden tägliches Üben waren plötzlich ganz normal in meinem Alltag. Das war intensiv – und definitiv eine der größten Herausforderungen auf meinem Weg.

Wie ist die Idee zum Kinderkonzerthaus Kleine Lotte entstanden?

Die Idee ist über mehrere Schritte gewachsen. Ich habe an dem Stipendiat:innenprogramm „Concerto 21“ teilgenommen, in dem wir uns intensiv mit der Zukunft der klassischen Musik beschäftigt haben – vor allem mit der Frage, wie neue Konzertformate für neue Zielgruppen aussehen können. Der demografische Wandel der Gesellschaft stellt sich im Konzertpublikum als besonders prekär dar.

Während einer Artist Residenz der Alfred Toepfer Stiftung an der Ostsee hatte ich dann einen sehr klaren Gedanken: Wenn das heutige klassische Konzertpublikum – überspitzt gesagt – langsam „ausstirbt“ und die nachfolgenden Generationen plötzlich wieder in den Konzertsaal kommen sollen, dann müssen wir sie viel früher erreichen. Eigentlich schon im Kindesalter.

Mir wurde bewusst, dass genau diese Altersgruppe – etwa vier- bis fünfjährige Kinder – kaum wirklich ernsthaft angesprochen wird. Große Häuser haben zwar Budgets für Musikvermittlung, aber oft bleibt das ein Randbereich. Gleichzeitig wachsen in einer Stadt wie Berlin jedes Jahr so viele Kinder auf – eigentlich bräuchte es dafür eine eigene, dauerhafte Struktur.

So entstand die Idee eines Kinderkonzerthauses: ein Ort, der sich konsequent an Kinder richtet, ihre Bedürfnisse ernst nimmt und ihnen einen selbstverständlichen Zugang zur Musik ermöglicht – mit integrierter Musikschule, regelmäßigen Wochenendangeboten und einem eigenen Konzertbetrieb. Erstaunlicherweise gibt es so etwas in dieser Form bisher noch nirgendwo auf der Welt.

Diese Vision habe ich mit meinem Team auch spielerisch in einer von mir produzierten Puppenserie verarbeitet.

Was schätzt du am meisten an der Arbeit mit Kindern?

Kinder begegnen Musik unglaublich unmittelbar und ehrlich. Sie haben keine Berührungsängste und keine festgelegten Erwartungen – wenn sie etwas berührt, zeigen sie das sofort. Und wenn nicht, dann auch. Diese Direktheit ist manchmal herausfordernd, aber vor allem sehr erfrischend.

Gerade im Vergleich zum klassischen Konzertsaal, in dem oft eine fast schon angespannte Stille herrscht und selbst ein unterdrücktes Husten mit strengen Blicken quittiert wird, fühlt sich die Arbeit mit Kindern viel lebendiger an. Hier darf Musik atmen – und das Publikum auch.

Ich schätze besonders, dass man mit Kindern einen Raum schaffen kann, in dem echtes Erleben möglich ist. Es geht weniger um richtig oder falsch, sondern um Aufmerksamkeit, Neugier und das gemeinsame Eintauchen in einen Moment.

Gleichzeitig verlangen sie einem auch viel ab: Man muss präsent sein, flexibel reagieren und sehr genau wahrnehmen, was gerade passiert. Genau das macht die Arbeit so lebendig – und für mich auch so sinnvoll.

Was können Erwachsene deiner Meinung nach von Kindern im Umgang mit Musik lernen?

Vor allem: sich wieder wirklich einzulassen. Kinder hören nicht, um etwas zu verstehen oder einzuordnen – sie erleben Musik direkt. Sie sind neugierig, offen und haben keine Angst davor, etwas „falsch“ zu machen.

Erwachsene hingegen bringen oft viele Erwartungen mit: Man muss still sein, konzentriert zuhören, wissen, wann man klatscht. Dabei geht manchmal genau das verloren, worum es eigentlich geht – die unmittelbare Erfahrung.

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Kinder zeigen uns, dass Musik kein Prüfungsraum ist, sondern ein Erlebnisraum. Dass man sich bewegen darf, reagieren darf, lachen, staunen oder auch einfach abschweifen. Ich glaube, Erwachsene könnten sich trauen, wieder ein Stück Kontrolle loszulassen – und Musik nicht nur zu konsumieren, sondern wirklich zu spüren.

Was rätst du Eltern von Kindern, die selbst ein Instrument spielen und Musik machen möchten?

Ein Instrument zu lernen ist nichts für den schnellen Spaß. Es ist eher wie eine langsame Belohnung: Am Anfang investiert man viel – und erst später wird es richtig schön.

Das passt nicht immer gut zu unserem heutigen Lebens- und Erziehungsstil, in dem wir stark auf Bedürfnisse und unmittelbares Wohlbefinden achten. Aber genau hier liegt die Herausforderung: Kinder – auch meine eigenen – wollen oft genau dann aufhören, wenn es anfängt, schwierig zu werden. Und genau dann wäre es eigentlich wichtig, weiterzumachen.

Ich würde Eltern ermutigen, diesen Punkt ernst zu nehmen – und nicht sofort nachzugeben. Dranbleiben, auch wenn es mal unbequem wird. Mit klaren Absprachen, kleinen „Deals“ und einer guten Portion Geduld. Eltern nicht als Antreiber:innen, sondern als Halt. Als jemand, der:die sagt: „Wir bleiben da jetzt noch ein bisschen dran.“

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Und: unbedingt zeigen, warum es sich lohnt. Konzerte erleben, bei Straßenmusiker:innen stehen bleiben, Vorbilder sichtbar machen, gemeinsam hören. Musik muss im Alltag stattfinden, nicht nur im Übezimmer.

Ich selbst wollte als Kind auch oft aufhören. Aber meine Mutter hatte eine Regel: nur zum Schuljahresende. Das hat mich oft genau lange genug gehalten, um wieder Freude daran zu finden.

Was wünschst du dir für die Zukunft im Kinderkulturbereich und speziell fürs Kleine Lotte?

Ich wünsche mir, dass Kinderkultur – vor allem Musik – gesellschaftlich einen viel höheren Stellenwert bekommt: nicht als ‚nice to have‘, sondern als essenzieller Bestandteil unserer Gesellschaft.

Für Kleine Lotte sehe ich großes Potenzial, ein Ort zu sein, an dem künstlerische Qualität und echte Begegnung auf Augenhöhe zusammenkommen – zwischen Kindern, Künstler:innen und Familien. Dafür wünsche ich mir verlässliche Partner:innen, die das unterstützen und langfristig mittragen möchten.

Verrätst du uns zum Abschluss ein paar deiner persönlichen Lieblingsorte in Berlin?

Wir gehen sehr gerne in die Markthalle Neun, insbesondere zum Stand der Wilde Gärtnerei. Die Qualität und die Menschen dahinter beeindrucken uns jedes Mal aufs Neue.

Außerdem bin ich gerne im Café von Flying Roasters – ich schätze ihren reflektierten und verantwortungsvollen Umgang mit dem Thema Kaffee sehr, und natürlich schmeckt er auch einfach richtig gut.

Für besondere Anlässe gehen wir gern ins Bonvivant Cocktail Bistro (sie haben auch eine tolle Brunchkarte). Ich habe das Restaurant als sehr kinderfreundlich erlebt – was in der gehobenen Gastronomie eher eine Ausnahme ist.

Wie andere Leute das Leben für und mit Kindern in Berlin gestalten, lest ihr in unserer Interview-Reihe
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