© Jan Bechberger

Wenn Tomaten klingen

tomatenklang ist der melodische Name der gemeinnützigen Musikschule von Adrian Kroß. Sechs Standorte gibt es mittlerweile in Berlin. Hier kann man jedes Instrument lernen: von Akkordeon bis Digital Music Production. Wer sein Instrument schon einigermaßen beherrscht, kann auch im tomatenklang-Orchester #jsoberlin spielen.

„‘Tomate‘ klingt schön“, fand Adrian Kroß vor 15 Jahren an einem feuchtfröhlichen Abend mit Musikerfreunden bei einem erhöhten Alkoholpegel. „tomatenklang“ sollte also erst einmal der Arbeitstitel für die kleine Musikschule in der Marienburger Straße sein. Per Zufall war Adrian an die Räumlichkeiten gekommen. Ein Freund wollte sich selbstständig machen, und das hatte nicht geklappt. „Jetzt waren die Räume nun einmal da, und ich habe einfach in einem gewohnt und in dem anderen unterrichtet.“ Bald schlossen sich zwei, dann drei Kollegen an.

Die tomatenklang-Geschichte

Anfangs gingen sie noch in die umliegenden Schulen, um auf tomatenklang aufmerksam zu machen. Der Rest lief über Mund-zu-Mund-Propaganda. Mittlerweile gibt es tomatenklang an sechs Standorten in Berlin. Das Team besteht derzeit aus zehn Festangestellten und 150 freien Mitarbeitern. „Ich habe ein Jahr gebraucht, um mich mit ‚tomatenklang‘ am Telefon zu melden. Die Kids haben ihn jedenfalls ganz schnell angenommen.“

„Der Name scheidet die Geister, man kann ihn gut oder schlecht finden, er brennt sich jedenfalls ins Gehirn ein.“

Als die Musikschule immer größer wurde, gab es kurzzeitig die Überlegung, ihr einen seriösen Namen zu geben. Als selbst eine befreundete Werbeexpertin bestätigte, dass der Name originell sei, blieb es dabei. „Der Name scheidet die Geister, man kann ihn gut oder schlecht finden, er brennt sich jedenfalls ins Gehirn ein“, weiß Adrian. An seinem Standort in der Prenzlauer Allee sitzt er manchmal auf dem Balkon und lauscht den Kommentaren der vorbeigehenden Leute: „tomatenklang? Oh weia, wie viel haben die denn gekifft, um auf so einen Namen zu kommen?“

Der tomatenklang-Gründer

Adrian Kroß ist ein Prenzlauer Berger der ersten Stunde. Zur Wendezeit, als alle in den Westen zogen, wollte Adrian im Ostteil der Stadt bleiben und übernahm die Wohnung seiner Gitarrenlehrerin Frau Schmidt-Heb im Prenzlauer Berg. Sie hatte eine wichtige Rolle gespielt in seinem Leben. Seit seinem siebenten Lebensjahr spielt er Gitarre. „Ich bin praktisch in einer Musikschule großgeworden. Ich weiß ganz genau wie sie funktioniert und hatte tolle Lehrer.“

Musikschule tomatenklang in Berlin, Geigenlehrerin // HIMBEER
Gute Musiklehrer halten die Kinder bei der Stange. © Jan Bechberger

Zum Studium der klassischen Gitarre in Weimar verließ Adrian Kroß seinen Kiez. Beeindruckt von seinem rheinländisch-genießerischen Professor Thomas Offermann startete er alsbald durch als Konzertgitarrist. Der Phase als Berufsmusiker folgte die als Musiklehrer. Damals hatte ich selbst noch keine Kinder und unendlich viel Zeit. Da gab es schon mal das ein oder andere spontane Konzert vor der Musikschule“, erzählt Adrian. Als Musiklehrer ist es für ihn eine Kunst, die Kinder in „schwierigen Zeiten bei der Stange zu halten“, beim Übergang von der Grundschule zur Oberschule, wenn auch die schulischen Anforderungen steigen.

Musikschule tomatenklang in Berlin: Die Vibration des Cellos spüren // HIMBEER
Tomatenklang – Probenwochenende © Jan Bechberger

„Da kommt es schon mal vor, dass ich mit dem Schüler einfach nur Musik höre oder wir uns über Musik unterhalten. Irgendwann kommt dann der Punkt, an dem wir mit dem Instrument weiterarbeiten können“, berichtet Adrian. Gerne erinnert er sich auch an eine Schülerin, „ein süßes, aufgewecktes Mädchen“, mit dem er 20 Minuten lang die schwarzen und weißen Klaviertasten gezählt hat – und das im Gitarrenunterricht.

Die Tipps des Musikpädagogen

Als Musikpädagoge weiß er, wie wichtig die Persönlichkeit des Lehrers ist. Auch das eine wichtige Komponente, um Kinder „bei der Stange zu halten“. Mittlerweile hat Adrian Kroß „die Seiten gewechselt“. Als zweifacher Vater hat er auch die Erfahrung machen dürfen, seine Kinder zum Üben animieren zu müssen.

Für alle Eltern, die ihre Kinder zum Übern motivieren wollen, haben wir Adrian nach seinen Tipps befragt: Heute schon geübt? – Tipps für Eltern musizierender Kinder

Dass es sich lohnt, „am Ball zu bleiben“, steht für Adrian Kroß fest: „Was ich sehr oft beobachtet habe, ist, dass man sich beim Spielen eines Instruments wunderbar entspannen kann. Bei meinem älteren Sohn habe ich sogar festgestellt, dass er seine Aggressionen abbaut, wenn er Flöte spielt. Oder wenn du das Schwingen der Saiten spürst beim Cellospielen, das löst was in dir aus.“

Ein weiteres wichtiges Moment ist das Vorspiel. Die Erfahrung, die man dabei in jungen Jahren mache, bräuchte man ein Leben lang, so Adrian. „Du arbeitest auf diesen Moment hin und bereitest dich so gut es geht vor. Und dann lernst du, dich da vorne hinzustellen und dich zu überwinden. Vielleicht zögerst du ein, zwei Minuten, es wird jedoch mit jedem Mal besser.“

Das gemeinsame Musizieren fördere das soziale Verhalten ebenso wie ein Mannschaftssport im Verein.

Eine Steigerung der Erfahrung beim Erlernen eines Instruments ist für Adrian Kroß das Spielen in einem Ensemble: „Das gemeinsame Musizieren ist etwas ganz Besonderes. Hier kommt es darauf an, den anderen genau zuzuhören, um herauszuhören zu können, wann der eigenen Einsatz ist. Es ist ein großes Miteinander, wobei jeder auf jeden Rücksicht nehmen muss.“ Gemeinsames Musizieren fördere das soziale Verhalten ebenso wie ein Mannschaftssport im Verein. „Es ist wichtig, in welchem Umfeld sich Kinder bewegen. Musik und Sport hält sie von dummen Ideen ab.“

Musikschule tomatenklang in Berlin: Orchesterprobe // HIMBEER
Eine ganz besondere Erfahrung: gemeinsames Musizieren. © Jan Bechberger

Das tomatenklang-Engagement für Kinder

Eben weil Adrian Kroß um die positive Wirkung von Musik auf einen Heranwachsenden weiß, möchte er es möglichst vielen Kindern ermöglichen, ein Instrument zu lernen unabhängig von ihren finanziellen Möglichkeiten. Jedesmal, wenn jemand die Musikschule verlassen will, erkundigt sich Kroß nach den Gründen. „Und wenn dann jemand rumdruckst und am Ende zugibt, dass es in der Familie gerade einen finanziellen Engpass gibt, dann finden wir immer gemeinsam eine unkomplizierte Lösung.“

Anfangs wurden solche Arrangements noch aus eigener Tasche finanziert. Mittlerweile hat tomatenklang einen Sozialfonds eingerichtet, so dass für solche Fälle Spenden entgegengenommen und quittiert werden können. „Wir haben einen solchen Selbstausbeutungsgrad erreicht, dass unsere finanziellen Kapazitäten völlig erschöpft sind. Ich sag mal so: Spenden sind herzlich willkommen!“.

„Ich sag mal so: Spenden sind herzlich willkommen!“

Adrian Kroß spielt selbst kaum noch Gitarre und unterrichtet auch nicht mehr. Er befindet sich jetzt im dritten Lebens- und Berufsabschnitt, wie er selbst sagt. Als leidenschaftlicher Entwickler und Unternehmer sucht er tolle Musiker, mit denen er zusammenarbeitet, und Konzerte organisiert. „Das ist es, was mir zur Zeit am meisten Spaß macht“, strahlt Adrian Kroß. Sein Lieblingsprojekt ist „Tomate Rockt!“. Das von tomatenklang seit sieben Jahren organisierte Konzert soll einmal ein großes Festival werden.

Musikschule tomatenklang in Berlin: Konzert tomate rockt // HIMBEER
tomate rockt in der Musikbrauerei (seit 2018 in der WABE). © Jens Reule Dantas/Musikbrauerei

Hier musizieren Jugendliche unter realen Konzertbedingungen: Auf einer großen Bühne, mit Ton- und Lichttechnik – drei Stunden lang. In Zukunft möchte Adrian verstärkt berufsbegleitende, musikpädagogische Projekte anbieten. „Damit wollen wir Kinder und Jugendliche zwischen acht und 18 Jahren erreichen, die sich für Musik begeistern und bislang nur begrenzten Zugang zu Welt der Musik haben.“

Eine eigens zusammengestellte Band wird von den Tomatenklang-Coachs für das Konzert fit gemacht wird und in Workshops werden Teilaufgaben wie zum Beispiel die Pressearbeit für den Auftritt erarbeitet.  Für dieses musikpädagogische und berufsbegleitende Engagement wird tomatenklang neuerdings für ein dreiviertel Jahr von der Jugend- und Familienstiftung des Landes Berlin gefördert. Tomaten klingen, Tomaten rocken – wir sind gespannt, was Tomaten sonst noch alles können.

Derzeit benötigt tomatenklang einen Proberaum für Bandcoaching und die Nachwuchsförderung im Kiez – trocken, abschliess, beheiz- und isolierbar. Sachdienliche Hinweise bitte an nicola@tomatenklang.de.

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Bandprobe // HIMBEER

tomatenlang-Musikunterricht findet in 52 Unterrichtsräumen über Prenzlauer BergPankow und Kreuzberg verteilt statt. 150 Lehrer decken heute die gesamte Bandbreite von Symphonieorchester bis hin zum Rockband-Festival ab.

Standorte: Immanuelkirchstr. 23, Marienburger Str. 31, Prenzlauer Allee 210, 10405 Berlin; Käthe-Niederkirchner-Str. 9, 10407 Berlin, Schönfließer Str. 18, 10439 Berlin und Falckensteinstr. 29, 10997 Berlin. Weitere Infos unter tomatenklang.de