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Babyglück?!

… und dann platzt plötzlich jemand in dein Leben, den oder die du bis dahin nur von einem Klopfen im Bauch oder den Ultraschallbildern kanntest! Drei Familien erzählen davon, wie weit die eigenen Vorstellungen und die Realität vom Kinderkriegen manchmal auseinanderliegen. Eine Mut machende Zwischentonsuche von Nina Heitele

Nicht nur ein Baby zu bekommen, stellt das eigene Leben auf den Kopf: Manchmal wird schon der Weg dorthin zum emotionalen Wirrwarr. Wenn es zum Beispiel länger dauert, bis der Kinderwunsch erfüllt wird. Wenn die Schwangerschaft beschwerlicher ist als erwartet. Oder die Geburt turbulenter. Und warum zur Hölle erzählt einem vorher eigentlich niemand, dass Stillen echt weh tun kann?

So wie sich die Kleinen erst mal zurechtfinden müssen in der Welt, struggeln wir als Eltern damit, den Babyalltag zu organisieren und in unsere neue Rolle hinein zu wachsen. Immer wieder aufs Neue. Nur eine Sache tritt zwischen größtem Glück und größter Erschöpfung garantiert ein: Es kommt immer anders als gedacht.

Babyglück?! Über die erste Zeit mit Baby // HIMBEER
Zu dritt täglich etwas Neues lernen: „Mit der Zeit wird man sich viel sicherer, was das Baby gerade braucht“, sagt Stephan. © Jules Villbrandt

Sarah, Stephan und Anuk

Sarah (28) und ihr Mann Stephan (30) können das nur unterschreiben. „Wie wir über andere Eltern gesprochen haben, was wir selbst alles anders machen wollten – wir hatten ja keine Ahnung!“ Lachend sitzt Sarah neben ihrem Mann auf der Couch. Seit September 2017 sind die beiden Eltern der kleinen Anuk. „Meine Einstellung vor der Geburt war zum Beispiel: ‚Das Bett gehört mir!‘ Aber seit Anuk da ist, schläft sie bei uns“, so Sarah. „Ich muss sie nur über ihr Bettchen halten und sie beschwert sich.“ Überhaupt sei Schlafen gerade nicht so ihr Ding. Wie um den Beweis zu liefern, rollt sich die Kleine auf ihrer Krabbeldecke immer wieder mal auf den Rücken und zurück auf den Bauch. Hoch will sie. Auf den Arm. Dann trinken.

„Früher dachte ich immer, Babys dösen fast die ganze Zeit vor sich hin und finden es super, zwei Stunden einfach nur unter dem Spielbogen zu liegen“, sagt Sarah. „Heute weiß ich: Wenn Anuk bei mir ist, dann komme ich zu nichts.“

Als selbstständige Illustratorin fing Sarah acht Wochen nach der Geburt wieder an zu arbeiten und stellte schnell fest, dass sich Babys als Co-Worker nur bedingt eignen. „Seitdem mache ich weniger. Mit Kind gehen die meisten Pläne nicht mehr auf.“ Wie schnell man manchmal mit der Realität konfrontiert wird, weiß auch Stephan. „Direkt nach der Geburt bewegt man sich in einer Blase – da ist alles neu und schön. Dann kommt der Alltag und der kann ganz schön irre sein“, sagt er.

Als Pilot ist Stephan manchmal mehrere Tage am Stück zu Hause – aber genauso ganze Tage und Nächte unterwegs. Deshalb war lange unklar, ob er bei Anuks Geburt überhaupt würde dabei sein können. „Das war zum Ende der Schwangerschaft der größte Stressfaktor für uns“, sagt er. Als es dann losging, „direkt mit Karacho“, wie Sarah erzählt, sei er zum Glück da gewesen. „Große Pläne gab es nicht. Wir wussten nur, in welches Krankenhaus wir fahren würden“, so Stephan. Die meiste Zeit hätten sie bei der Geburt für sich sein können, das passte prima. „Pech hatten wir nur damit, dass es kein Familienzimmer gab – dafür aber eine biestige Nachtschwester. Die hat Stephan erst mal zum Schlafen nach Hause geschickt“, erzählt Sarah. „Am Ende hat niemand von uns ein Auge zugemacht. Wir waren viel zu aufgeregt.“

„Ich sage nur: Haarausfall. Oder: Verdauung. Manche Dinge hätte ich gerne vorher schon mal gehört“

Aufregend ist es bis heute. Mal ist es das Einschießen der Zähne, das jeden Rhythmus durcheinander bringt. Mal stehen ganz andere Fragezeichen im Raum. „Gerade, was den eigenen Körper angeht. Da wird man als Frau irgendwie nur bis zur Entbindung vorbereitet. Und dann? Ich sage nur: Haarausfall. Oder: Verdauung. Manche Dingen hätte ich gerne vorher schon mal gehört“, so Sarah.

„Dass Stillen anfangs höllisch weh tut, verrät einem ja auch niemand! Ich hatte solche Verspannungen, dass meine Hebamme mir Übungen zeigen musste.“ Sich unter Eltern offen und ehrlich auszutauschen, anstatt miteinander zu wetteifern, wäre sinnvoll. Am Ende ist der Alltag mit Baby eben doch immer beides: unglaublich schön – und unglaublich anstrengend. „Das aussprechen zu dürfen und von anderen zu hören, ist wichtig.“

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© Jules Villbrandt

Anne, Mario und Aari

Für mehr Authentizität in Gesprächen über das Elterndasein plädieren auch Anne (31) und Mario (30), seit Januar Mama und Papa von Aari. Klar: Auf eine Art sei die Geburt eines Kindes natürlich ein einziges großes Wunder. „Aber am Anfang ist da vor allem ein Mensch, den du kennenlernen musst. Plötzlich hast du einen neuen Mitbewohner“, so Mario.

Die überschwänglichen Statements anderer – ob sie nun im persönlichen Gespräch oder öffentlich in Netzwerken wie Instagram fallen – könnten einen da ziemlich unter Druck setzen. „Wie oft ich schon gelesen habe, alles sei ‚total magisch‘, sobald das Baby da ist“, sagt Anne. „Aber, nö. Manchmal sieht Aari aus wie ich, manchmal wie Mario – das ist ‚magisch‘. Auf Wolken geschwebt bin ich nicht. Eine große Liebe muss wachsen, dafür tut sie es stetig.“

„Für uns war wichtig zu akzeptieren, dass eine Fehlgeburt zum Elternwerden dazu gehören kann“

Gedauert hat es auch, bis sie endlich zu dritt waren. Innerhalb eines Jahres hatte Anne zwei Fehlgeburten. Neben der Traurigkeit sei Wut ihr vorherrschendes Gefühl gewesen. Dann fing sie an, mit anderen darüber zu sprechen. Die beste Entscheidung überhaupt, wie sie heute sagt. „Es war wie ein Türöffner. Plötzlich hatte jeder eine Geschichte zu erzählen“, so Anne.

Zu erfahren, wie häufig Fehlgeburten tatsächlich vorkommen, habe geholfen, sich nicht so alleine zu fühlen. „Für uns war wichtig zu akzeptieren, dass eine Fehlgeburt zum Elternwerden dazu gehören kann“, sagt Mario. „Sie hat nichts mit eigenem Versagen zu tun. Man kann nur versuchen, Kinder zu bekommen, und hoffen, dass es klappt.“

Bei ihnen klappte es, auch wenn es zu Beginn der Schwangerschaft mit Aari nicht danach aussah. Nach einer sturzbachartigen Blutung schätzte die Frauenärztin die Chancen für eine weitere Fehlgeburt auf 50 Prozent. „Am Ende hieß es, dass das wohl eine etwas extreme Art der Einnistungsblutung war“, so Anne. Aari wollte also definitiv bleiben. Mit Nachdruck! „Als er sich spürbar in meinem Bauch bewegt hat, hat sich das auch nicht ganz zart wie Schmetterlingsflügel angefühlt, sondern nach einem ziemlichen Rums. Er war eher der Typ kleiner Karatekämpfer.“

Ihre Hebamme sei schließlich mit dafür verantwortlich gewesen, dass Anne und Mario trotz ihrer Sorgengeschichte „erstaunlich entspannt“ durch die Schwangerschaft kamen. „Sie hat uns schon während der Fehlgeburten begleitet und immer Zuversicht ausgestrahlt“, sagt Anne. „Wenn du schwanger bist, bekommst du 1.000 Broschüren in die Hand gedrückt – wenn du ein Kind verlierst, gibt es plötzlich keine einzige mehr.“

Ihre Hebamme holte sie emotional ab. Unter der Geburt war es dann vor allem Mario, der sie erden konnte. „Irgendwann hatte ich das Gefühl, nur noch überleben zu wollen“, erzählt Anne. „Mario hat immer wiederholt ‚Zum Baby atmen, zum Baby atmen‘. Da wusste ich wieder, worum es eigentlich gerade geht.“ Zeit zu zweit haben sie seit der Geburt nicht vermisst. Seit Aari da ist, seien sie ja trotzdem zusammen, sagt Mario. Und Anne ergänzt mit einem breiten Lächeln: „Aari ist wie ein gemeinsames Hobby. Unser persönlicher und schönster Netflix-Abend.“

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Girl Squad: Malaika, Naemi und Linda sind ein Team – meistens jedenfalls. © Jules Villbrandt

Linda, Malaika und Naemi

Wenn es um das Thema Paarzeit geht, wird Linda (30) dagegen erst mal still. Dann gibt sie zu: „Eine Nische für die Beziehung zu finden, ist für David und mich nicht leicht.“ Zwei Kids, Malaika (8) und Naemi (1), sind es inzwischen, die ihren Alltag durcheinander wirbeln. Auf der Spüle steht nicht mehr nur das Trinkglas der Großen, sondern auch der Henkelbecher der Kleinen. Und auch die Wäsche ist mit dem Baby noch mal deutlich mehr geworden.

Geahnt habe Linda schon, was auf sie zukommen würde, wenn sie ein zweites Kind bekäme. „Aber wie es dann wirklich ist, darauf kannst du dich nicht vorbereiten“, sagt sie. „Wieder ein kleines Baby im Haus zu haben, war eine Riesenumstellung.“ Am schwierigsten sei die Gewissheit gewesen, erneut 24 Stunden am Tag gebraucht zu werden. „Malaika war ja schon ein etwas größeres Mädchen, bevor Naemi kam“, erzählt Linda. „Deshalb hatte ich mein normales Arbeitsleben zurück, bin ausgegangen – mit Naemi kam der Cut. Plötzlich waren die schlaflosen Nächte zurück. Das musste ich erst wieder akzeptieren.“

„Immer wieder hat Malaika gesagt: ‚Ich hätte sooo gerne eine Schwester, Mama.‘ Irgendwann dachte ich: jetzt oder nie!“

Umso schöner ist es für sie, dass Malaika bei Naemi gerne mithilft. „Sie ist total fürsorglich“, sagt Linda. Nur kurz kam zwischendurch mal die Eifersucht zu Besuch: „Irgendwann fiel bei der Großen der Groschen: ‚Oh, ich habe wirklich eine Schwester – jetzt muss ich ja teilen‘.“ Aber zum Problem sei das nie geworden. Sichtlich überwiegt bei den beiden die Freude an der jeweils andere. Malaikas Drängeln nach einem Geschwisterchen sei es auch gewesen, das Linda zur weiteren Kinderplanung motiviert habe. „Immer wieder hat sie gesagt: ‚Ich hätte sooo gerne eine Schwester, Mama.‘ Irgendwann dachte ich: jetzt oder nie!“, erzählt sie.

Die Schwangerschaft mit Malaika war unproblematisch. „Easy“, würde die zweite werden, dachte Linda deshalb. „Aber nee. Die war wirklich schwierig. Mir war unfassbar übel. Dazu habe ich total abgenommen und konnte phasenweise nur liegen.“ Auch mit dem Stillen klappte es bei Naemi nicht so wie erhofft. Durch ihren Job als selbstständige Stylistin und Bloggerin war Linda viel unterwegs. In der Zeit bekam die Kleine eine andere Milch. „Plötzlich wollte sie nicht mehr bei mir an die Brust. Darüber war ich ziemlich traurig – ich hätte gerne länger gestillt als drei, vier Monate“, so Linda. „Aber mit Flasche war letztendlich auch vieles einfacher.“

So wenig geplant das frühe Abstillen war, umso besser funktionierte mit der Zeit die Organisation im Alltag. „Das Leben mit Kindern hat mich viel disziplinierter gemacht“, sagt Linda – auch, was die Zeit angeht, die sie für sich selbst schafft. „Sobald die Kinder schlafen, gönne ich mir Ruhe. Der Laptop bleibt dann zu.“ Zwei, drei Mal die Woche kommt außerdem eine Babysitterin. „Damit ich mal zur Massage kann. Oder die Probleme meiner Freundinnen anhören“, sagt Linda. Es sind kleine Momente von größtem Wert. „Meine Töchter zusammen aufwachsen zu sehen, ist das Schönste überhaupt. Aber mir ist es wichtig, nicht nur Mutter zu sein, sondern auch Frau.“

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