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Über das Leben mit Babys

Wir hatten ja keine Ahnung. Warum hat mir das keiner gesagt? Die Top8, von denen vor der Geburt kaum jemand etwas ahnt ... Kareen Dannhauer ist als Hebamme oft hautnah dabei, wenn frischgebackene Eltern ihre ersten eigenen Erfahrungen mit Baby machen.

Als Hebamme stehe ich – das ist ein wesentlicher Teil meines Berufes – ganz und gar regelmäßig vor Frauen und Familien, die ihr erstes Baby bekommen. Langsam, nach und nach, entwickeln sie eine Idee davon, wie das so alles sein könnte, das Leben mit einem Baby. Das Leben als Familie.

Einiges davon kann man sich vorstellen, anderes überhaupt nullkommanull. Und bei so manchem stößt man auf Baustellen, von denen man nie geahnt hätte, dass es sie überhaupt geben könnte. Immerhin hat man neun Monate Zeit, sich auf dieses Neuland vorzubereiten. Man geht mit anderen Augen durch die Welt, sieht Dinge, Freunde erzählen einem die jeweiligen heißen Tipps, die allerdings oft aus der eigenen, sehr individuellen und jeweils so (oder ganz anders) erlebten Geschichte herrühren.

Mit den Ratschlägen ist das so eine Sache: Man wird ja auch ungefragt zugeballert damit, und manchmal ist das schlicht zuviel oder gar übergriffig.

Gleichzeitig können Erfahrungen anderer Eltern natürlich enorm hilfreich sein, auch sonst im Leben fragt man seine Freunde in wichtigen Dingen um Rat.Gewisse Dinge kann man sich auch nicht vorstellen. Andere will man auch gar nicht glauben, und auch das ist möglicherweise ganz gut so. Wie so ein Baby einen wirklich 24 Stunden auf Trab halten kann und wird, wo doch in allen Schlaftabellen steht, dass immerhin 16-18 Stunden eines Tages mit Schlaf gefüllt sein sollen – wo soll denn da bitte das Problem sein? Dass die Babys vorwiegend auf einem drauf schlafen, steht da nämlich nirgends. Und dass man das dann genau so macht (mangels anderer Optionen) steht dort eben auch nicht (oder, noch mal: Das will man vorerst nicht glauben. Und nimmt sich natürlich vor, damit niemals auch erst anzufangen).

Mutter und neugeborenes Baby
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Nur, weil deine Arbeitskollegin ihren Kaiserschnitt als „absolutes Trauma“ erlebt hat, muss das für sehr viele andere Frauen überhaupt nicht so sein. Nur weil bei deiner Freundin das Stillen nur mit viel dazutun, Geduld und Equipment ins Laufen kam, musst du nicht schon im Vorwege ein Vorgespräch mit der angesagtesten Stillberaterin der Stadt ausmachen. Und wenn dir deine Freundin mit wissendem Blick bei jedem erdenklichen Thema: „Ach, du wirst schon sehen, ich könnte überquellen vor Liebe“ entgegenhaucht, darfst du auch weiter daran zweifeln (manchmal) ob du für dieses Mutterding überhaupt so richtig geschaffen bist.

Dann gibt es da noch die körperlichen Themen. Je nachdem, welches Glück du bei deiner Geburt hattest, ist das natürlich sehr, sehr unterschiedlich. War sie besonders langwierig und brauchte es mehr medizinische Interventionen, als du dachtest, fühlt es sich in den ersten Tagen vielleicht überall nach körperlicher Großbaustelle an. Glücklicherweise geht das ziemlich schnell vorbei.

Vor allem dann, wenn du wirklich den gebetsmühlenartigen, allerheiligsten Hebammenrat befolgst, und wirklich im Wochenbett liegen bleibst und nicht in der Wohnung herumrennst.

Zu allen diesen Themen, und weil es eben wirklich das sprichwörtliche Dorf braucht, damit ein Baby gut groß wird: Suche dir zwei oder drei coole Mütter oder Väter in deinem Umfeld und frage die, zu allem, was du wissen möchtest. Suche die aus, die du auch vor ihrem Elternsein cool fandest, nicht unbedingt die, die glücklicherweise ein easy Baby haben und sich mit euch gemeinsam fragen, warum sich alle anderen denn bitte so anstellen. Die haben dann einfach Glück, die dürfen dann nämlich ausnahmsweise an diesen Punkten nicht mitreden …

Frage deine Hebamme und glaube ihr im Zweifel. Sie kennt einfach die Klassiker, die immer Themen sind. Bei allen Eltern, mit Ansage. Meine persönlichenTop-8 aller Dinge, die man vorher nicht ahnt, wären diese – und meine Quick-Tipps dazu.

1. Stillen

Stillen ist eines der Dinge das gemeinhin gern mit dem „Natürlichsten der Welt“ beschrieben wird. Bei genauerem Hinsehen entpuppen sich viele dieser „Natürlichsten Sachen der Welt“ (Sex, Gebären, aufs Klo gehen) durchaus manchmal auch als störanfällig und sensibel. Und auch möglicherweise erstmal nicht ganz so romantisch, wie gedacht. Rechne damit, dass Stillen zu Beginn ein bisschen bastelig ist.

Wenn du dein erstes Baby bekommst, hast du das noch nie in deinem Leben gemacht. Dein Baby auch nicht.

Es treffen also zwei Anfänger aufeinander. Bis das so richtig fluppt, vergehen mindestens ein paar Tage. Und deine Brustwarzen werden in den ersten beiden Wochen vermutlich ziemlich empfindlich sein, manchmal ist das Ansaugen in den ersten Tagen nach der Geburt (kurz) so schmerzhaft, dass sich dir die Fußnägel hochrollen. Muss nicht, aber kann. Das kommt von den Schwangerschaftshormonen, die noch etwa eine Woche lang brauchen, um aus deinem Körper zu verschwinden. Es ist also im Rahmen von „normal“, dass Du logischerweise Zweifel kriegst, was am Stillen so toll sein soll. Memo für die fiesen Momente: Das geht in jedem Fall vorbei, sehr bald!

Du brauchst: Ruhe, Geduld, eine entspannte Hebamme und ein vernünftiges NippleBalm

2. Blutungen

Nach der Geburt blutest du aus deiner Gebärmutter, und zwar ganz ordentlich. Vermutlich ist noch nie zuvor so viel Blut aus dir herausgeflossen. In den ersten drei Tagen schwappt es beim Aufstehen regelrecht aus dir heraus, nicht erschrecken. Diese Blutung hört auf den schönen Namen Wochenfluss und ist Blut aus der Plazentawunde im Inneren deiner Gebärmutter und die Gebärmutterschleimhaut, die sich in den nächsten Tagen und Wochen langsam verabschiedet. Richtig gehört: Wochen. Bis die Blutung ganz vorbei ist, vergehen ungefähr vier Wochen. In den ersten Tagen ist die Blutung deutlich stärker als eine Menstruation und wird dann am Ende der ersten Woche schnell weniger.

Du brauchst: Binden im XXL-Format. Praktisch in der ersten Woche sind die so genannten Vlies- oder Flockenwindeln, später evtl. auch die hautschonende Variante aus Stoff (ist besser als es vielleicht auf den ersten Blick klingt). Mehr dazu in meinem Blogartikel XXL-Formate

3. Heulen, ohne zu wissen, warum.

Vielleicht ist es die Erschöpfung. Die Hormone. Der Schlafmangel. Ganz bestimmt ist es aber auch diese einzigartige, existenzielle Erfahrung, die du gerade machst: Du hast ein Kind geboren und wirklich in diesen Abgrund geblickt. Danach fehlt dir noch etwas der sichere Boden, der Halt, die Coolness, mit der man sich sonst so wappnet fürs Leben. Alles richtig so, und es geht vorbei. In dem Moment, in dem du da mitten drinhängst, fühlt es sich irritierend an. Du erkennst dich kaum wieder. All diese ganze Rührseligkeit – wer hätte das gedacht? Auch wichtig: Dieser Babyblues ist keine Wochenbettdepression! Das ist wirklich etwas komplett anderes. Wenn du dich da gefährdet fühlst, kannst du hier in meinem Artikel Mehr als Babyblues mehr darüber lesen.

Du brauchst: Taschentücher. Ein Tagebuch. Liebevoll umsorgt werden. Ein offenes Ohr für alles bei deiner Hebamme und deiner besten Freundin und deinem Mann, die abwechselnd Blumen und Suppe an dein Bett tragen und aufpassen, dass nicht zu viel ungebetener Besuch auf der Matte steht.

Baby zahnloses Lächeln | berlinmitkind.de
So kitschig wie wahr: Ein zahnloses Lächeln macht vieles wieder wett. © Carlos Martinez, Unsplash

4. Der glücklichste Mensch auf Erden

Komischerweise geht im Wochenbett alles mögliche, eigentlich gegensätzliches, auch gleichzeitig. Kaum tauchst du aus dem bluesigen oben beschriebenen Tal der Tränen wieder auf, könntest du im nächsten Moment dein Baby nur stundenlang anschauen – und bist geflasht vor Liebe und Glück. Oder auch nicht. Manchmal dauert das eine ganze Weile, bis du zu dieser Mutterliebe findest, bis dahin fühlt sich das manchmal auch etwas gefühlsamputiert an. Auch völlig normal. Manchmal muss erstmal alles sacken, bevor dieses Glück hinter der nächsten Wegbiegung auftaucht. Aber mach dich auf etwas gefasst: Mutterliebe ist beyond. Und haut einen um, immer wieder.

Du brauchst: Gar nichts. No more words needed.

5. Das erste Mal aufs Klo nach der Geburt

Eine der heimlichen Top-3-Sorgen nach der Geburt: Oje, hoffentlich tut das nicht weh. Alles zwischen Popo und Mumu fühlt sich direkt nach der Geburt noch ziemlich mitgenommen an. Da ist vielleicht eine mit einer Naht versorgte Dammverletzung. Oder Hämorrhoiden, die nach einer Geburt wirklich fies sein können. Das Beste zuerst: Der erster Klogang ist meistens super-unspektakulär, und es geht auch nichts „kaputt“ dabei. Versprochen! Meistens vergehen nach der Geburt ungefähr drei Tage, bevor Du überhaupt wieder „musst“. Sorge dafür, dass du weichen Stuhlgang hast, eingeweichte Lein-, Floh- oder Chiasamen im Müsli, lecker zusammen mit eingeweichtem Trockenobst sind zum Beispiel super. Manchmal hilft auch eine sanfte Bauchmassage im Uhrzeigersinn. Wenn dein Hb-Wert nach der Geburt noch etwas niedrig ist, warte noch mit der Einnahme von Eisenpräparaten, bis du zumindest einmal richtig auf der Toilette warst.

Du brauchst: Zeit nehmen, atmen, die Füße vielleicht auf ein kleines Schemelchen vor der Toilette stellen, manchen Frauen halten auch gern etwas (feuchtes) Toilettenpapier als kleinen „Widerstand“ von außen an ihren Damm. Vielleicht auch nichts davon, und du gehst einfach aufs Klo.

6. Wo schläft das Baby?

Als erstes wirst du nach kurzen Widerständen zu der Erkenntnis gelangen, dass es nicht ihr sein werdet, die das entscheiden. Zu allseitigen Überraschung stellt ihr fest: Das Baby schläft ja gar nicht in seinem Bett! Und dabei war doch das der wichtigste Vorsatz, den ihr gefasst hattet, sobald der Schwangerschaftstest positiv war: Damit fangen wir gar nicht erst an! Take your time. Ihr werdet ganz von allein und ohne schlaue Tipps, von wem auch immer, dahinter kommen, dass die Theorie manchmal sehr sehr grau ist.

Du brauchst: Ein Beistellbettchen. Als „extended Nachttisch“ zum Aufbewahren von Salben, Stilleinlagen, Spucktüchern, Taschentüchern, einem halbgegessenen Käsebrot, deinem Telefon und einem Buch, bei dem du dich schon wieder nicht erinnern kannst, welche halbe Seite du zuletzt gelesen hast. Und hin und wieder, um mit dem Baby zu verhandeln, ob nicht 20 cm ein tolerabler Abstand zwischen euch sein könnte.

Mutter mit kleinem Baby | berlinmitkind.de
Babys sind nicht nur Säuglinge, sondern vor allem auch Traglinge. © Jenna Norman, Unsplash

7. Das Baby lässt sich gar nicht ablegen

Die nächste Überraschung, sozusagen die Tagesvariante vom nächtlichen Punkt 6: Dein Baby ist tagsüber eine kleine, süße Klette und klebt an Dir. Manchmal bist du festgestillt auf dem Sofa und hast hoffentlich ein paar Grundnahrungsmittel in Reichweite, denn es wäre möglich, dass du dich für die nächsten zwei oder drei Stunden mit am Busen im Arm eingeschlafenem Baby nicht vom Fleck rühren kannst oder es keinesfalls riskieren willst, dass es aufwacht.

Clusterfeeding heißt das Fachwort für diese Marathon-Stilleinheiten, die sind ebenfalls, du ahnst es vielleicht, ganz normal. Babys haben feine Antennen und es wird sich sofort beschweren, wenn du deinen Tragling aus dem Körperkontakt lösen möchtest. Vielen Dank an dieser Stelle ans Neandertal, seit es uns Menschen gibt, ist das eine sehr sinnvolle evolutionsbiologische Überlebensstrategie von Menschenjungen, die sich irgendwie noch nicht weggemendelt hat.

Du brauchst: Ein Tragetuch oder eine andere Tragehilfe. Dann hast du die Hände frei und kannst dir zumindest die Haare kämmen (oder eine Mütze aufsetzen) und dir ein Brot schmieren. Denn, fast folgerichtig ergibt sich der nächste Punkt:

8. Man kommt zu gar nichts

Auch so ein Klassiker, den einem niemand ernsthaft glaubt, wenn man vor der Geburt davon erzählt kriegt. „Mittags um 13 Uhr weder gefrühstückt noch geduscht? Das ist doch maßlos übertrieben!“ Spätestens nach zwei Wochen weißt du: Ist es nicht. Nicht jeden Tag, aber oft. Ehe du für einen kleinen Spaziergang bereit bist, wird es je nach Jahreszeit draußen schon fast wieder dunkel. Auch völlig normal, auch das bleibt nicht ewig so.

Du brauchst: Kleine Ziele. Ein Tag mit zwei wichtigen E-Mails, im dritten Anlauf ausgeräumtem Geschirrspüler und einer Tüte Milch vor Ladenschluss – war ein guter Tag.

 

Sei dir klar darüber, dass du Vieles nicht weißt in dieser ersten verrückten Zeit mit einem Baby. Du bist kein Experte auf diesem Gebiet. Wie soll es auch anders sein? Du warst noch nie Mutter. Deine Sicherheit wird wachsen, jeden Tag ein bisschen mehr, nach und nach, auch wenn es sich zwischendurch auch mal stümperhaft anfühlt.

Sei freundlich zu deinem unsicheren Mommy-Ich.

Auch wenn du einiges noch nicht weißt oder kannst und dein Baby manchmal weint, ohne dass du eine Idee hast, warum. Woher sollst du es auch wissen? Du wirst es herausfinden, mit liebevoller Begleitung (durch deine Hebamme, Freunde, Familie, eben das sprichwörtliche Dorf, das es braucht) , mit trial-and-error. Ersetze das Wort „Fehler“ gegen „Erfahrungen“ machen, denn ohne geht es nicht. Und sei willkommen in dieser abgefahrenen, aufregenden und irgendwie magischen Zeit im Leben mit einem kleinen Baby.

Hebammen Kareen Dannhauer
Kareen Dannhauer ist seit über 20 Jahren Hebamme, lebt in Berlin und ist Mutter zweier Töchter. In ihrer Arbeit gelingt es ihr, die „moderne Großstadtmütter“ in ihren Lebenswelten anzusprechen und abzuholen –sie ist eine von ihnen. Klischeefrei, undogmatisch, dabei fundiert, erfahren, mit menschlicher Wärme – und nie ohne eine Prise Humor. Wir freuen uns, dass sie uns als Gastautorin von ihren Erfahrungen profitieren lässt. Mehr über Kareen erfahrt ihr in ihrem Autorenprofil.