© Alexander Rosen

Interview mit dem Leiter der Kindernotaufnahme der Charité

Wir alle kennen die Angst und die Sorge. Ein Sturz vom Klettergerüst, eine Fieberkurve, die über 40° steigt, oder gar eine chronische Erkrankung – viele von uns kennen die Notaufnahme. Manch einer ist tief dankbar, manch einer schimpft über Wartezeiten – wie ist es durch Berlins Kinderzuwachs eigentlich um die Notaufnahmen in Berlin bestellt? Ein Interview mit Dr. Alexander Rosen, Oberarzt und Leiter der Kindernotaufnahme der Charité.

Gleich vorweg: wie gestaltet sich die Situation der Notaufnahmen in Berlin?

Wir haben in Berlin seit einigen Jahren eine steile Zunahme der Anzahl der Kinder. Es kommen mehr Kinder auf die Welt, es ziehen viele junge Familien in die Stadt – dieses rasante Wachstum von mehreren Tausend zusätzlichen Kindern im Jahr macht sich nicht nur in den Kitas und Schulen bemerkbar, sondern auch bei uns Kinderärzten.

Da mehr und mehr Arztpraxen überfüllt sind, weichen viele Eltern auf die Notaufnahmen aus. In Berlin gibt es insgesamt 9 Kindernotaufnahmen und alle beschreiben steigende Patientenzahlen und gehäufte Inanspruchnahmen bei Symptomen, die eigentlich keine Notfälle darstellen.

 

Man hört oft oder kennt es selbst: die langen Wartezeiten. Jammern wir auf hohem Niveau?

Man muss das etwas differenzierter betrachten: Zunächst einmal ist Berlin im Vergleich zu den meisten Regionen in Deutschland sehr gut mit Kinderkliniken und Kinderarztpraxen versorgt, die Entfernungen zum nächsten Kinderarzt eher gering. Und für akute medizinische Notfälle sind die Wartezeiten in Berlin ebenfalls gering, die Kliniken sehr gut ausgestattet.

Für weniger akute Fälle sind die Wartezeiten hingegen zum Teil erheblich. Gerade zu den Stoßzeiten am Mittwoch oder Freitag Nachmittag sowie an den Wochenenden und Feiertagen kann es durchaus sein, dass man in der Kindernotaufnahme wegen Ohrenschmerzen 7 bis 8 Stunden auf einen Arztkontakt wartet – wenn die Eltern nicht schon vorher wieder nach Hause gehen.

 

Bei nicht akut gefährlichen medizinischen Problemen ist man oft besser mit dem Kinderärztlichen Notdienst (116117) oder einer der Kindernotdienststellen bedient.

 

Deshalb ist man mit solchen, nicht akut gefährlichen medizinischen Problemen, oft besser mit den Angeboten der Kassenärztlichen Vereinigung bedient – dem Kinderärztlichen Notdienst (116117) oder einer der vier Kindernotdienststellen in Berlin. Kein Arzt lässt Kinder gerne warten, aber wenn die Zahl der Patienten die Kapazitäten unserer Institutionen überfordert, müssen wir eine Triagierung durchführen, also eine Vorentscheidung, welche Kinder besonders rasch gesehen werden.

 

Dr. Alexander Rosen
Dr. Alexander Rosen, Oberarzt und Leiter der Kindernotfallambulanz der Charité Berlin

 

Welche Schwierigkeiten und Anliegen haben Sie als Leiter der Kindernotaufnahme?

Ein wesentliches Problem ist die steigende Inanspruchnahme der Notaufnahme als „bessere Kinderarztpraxis“, die wir nunmal einfach nicht sind. Wir sind für akut bedrohliche Gesundheitszustände da und das können wir auch sehr gut.

Für die Versorgung banaler Erkältungserkrankungen, Nasenbluten oder einfacher Insektenstiche haben wir aufgrund der zum Teil sehr schwer kranken Patienten oft keine Zeit und dies führt zu Frust und Enttäuschung auf beiden Seiten. Die Eltern sind sauer über die langen Wartezeiten und wir Ärzte sind gestresst, weil wir uns für die Patienten nicht ausreichend Zeit nehmen können.

 

Hier muss sich bald etwas ändern.

 

Deshalb wollen wir beispielsweise enger mit den niedergelassenen Kinderärzten kooperieren und in den Stoßzeiten gemeinsame Angebote entwickeln, die dabei helfen, allen Patienten besser gerecht zu werden – den schwer kranken und den nicht so schwer kranken. Dann könnten wir Klinikärzte den Krebspatienten mit Fieber versorgen und die KV-Ärzte in der Zwischenzeit die Kinder mit Halsschmerzen und Durchfall und die beiden Patientengruppen würden sich nicht gegenseitig die selben Ressourcen streitig machen.

Ein nicht so schöner Aspekt unserer Arbeit ist die steigende Gewaltbereitschaft gegenüber dem medizinischen Personal. Sowohl Pflegekräfte als auch Ärzte werden von Eltern regelmäßig verbal und manchmal auch physisch angegriffen. Grund sind meistens gefühlt zu lange Wartezeiten für das eigene Kind.

Erst letzte Woche wurde eine unserer Ärztinnen von einem ungeduldigen Vater verletzt. Das ist natürlich eine Situation, die wir absolut nicht tolerieren können und deshalb bringen wir jede Form von Gewalt gegen unser Personal immer zur Anzeige und schalten sehr niederschwellig die Polizei ein.

 

Wann ist die Kindernotaufnahme die richtige Anlaufstelle? Und wann nicht?

Das ist für die Eltern oft gar nicht so einfach zu entscheiden, denn oft wirken die Kinder ja initial sehr krank und das führt zu berechtigten Sorgen bei den Eltern und dann auch dazu, dass ein Rettungswagen gerufen und das Kind in einer Notaufnahme vorgestellt wird.

Bei epileptischen Anfällen zum Beispiel, bei Luftnot, Ertrinkungunfällen, Vergiftungen, starken Blutungen, Brüchen, Zeichen einer Blinddarmentzündung, einer Hirnhautentzündung, nicht senkbarem Fieber, unstillbarem Erbrechen oder anderen schweren gesundheitlichen Problemen, insbesondere bei chronisch kranken Kindern ist die Notaufnahme einer Kinderklinik absolut der richtige Ort.

Bei anderen Beschwerden, die nicht sofort von einem Arzt gesehen werden müssen, empfiehlt es sich manchmal, zunächst ein fiebersenkendes oder schmerzstillendes Mittel auszuprobieren und den Verlauf zu beobachten.

 

Wenn man nur ein Kassenrezept benötigt oder eine Krankschreibung, dann ist man in der Klinik an der falschen Adresse, denn das dürfen beides nur die niedergelassenen Kollegen.

 

Auch ein „General-Check“ vor dem Urlaub oder die Abklärung von Symptomen, die bereits seit Wochen oder Monaten bestehen sind keine guten Gründe für eine Vorstellung in der Notaufnahme, auch wenn es manchmal praktisch erscheint.

 

Haben die Eltern Hemmungen vor der Notaufnahme? Oder ist es gerade andersrum?

Wir sehen beides: Eltern, die uns viel zu zögerlich oder zu spät aufsuchen und beispielsweise über mehrere Tage dabei zusehen, wie es ihrem Kind schlechter und schlechter geht, aber auf der anderen Seite eben auch Eltern, die nach dem Motto handeln: „38° – Paracetamol, 39° – Kinderarzt – 40° Uniklinik“. Das ist zwar für die Eltern ein Algorithmus, aber nicht unbedingt einer, der eine medizinische Rechtfertigung hat und auch keiner, der im Interesse des Kindes ist.

Mein Wunsch wäre es, dass die Eltern öfter die Beratungsdienste der KV in Anspruch nehmen. Unter der Nummer 116117 erhält man Ratschläge und Empfehlungen, wann man sein Kind wo vorstellen sollte. Die Nummer ist zwar etwas länger und weniger bekannt als die Notrufnummer 112, aber es braucht eben nicht immer gleich einen Retttungswagen und einen Notarzt – machmal reicht auch der Gang zur Apotheke und die beherzte Gabe von abschwellenden Nasentropfen und Ibuprofen, etwas Flüssigkeit und eine gesunde Portion Schlaf.

 

Ich kann mir vorstellen, dass Sie mit vielfältigsten Erwartungshaltungen konfrontiert werden – mit welcher können Sie am wenigsten umgehen?

Wir haben zum Teil Eltern, die ihr Kind um 4 Uhr morgens in der Notaufnahme vorstellen, weil sie um 8 Uhr einen Flieger nach Spanien haben und vorher „nochmal eben die Lunge abgehorcht“ haben wollen. Das offenbart meiner Meinung nach ein mangelndes Verständnis unseres medizinischen Notfallwesens und belegt wertvolle Ressourcen, die anderswo dringender benötigt werden.

 

Man ruft ja auch nicht die Feuerwehr, um sicher zu stellen, dass man zu Hause den Gasherd ausgedreht hat.

 

Das gleiche gilt für Eltern, die ihr Kind um 7 Uhr in der Notaufnahme vorstellen, weil die Kinderarztpraxis erst um 8 Uhr aufmacht. Auch hier muss man sich fragen, ob das eine vernünftige Nutzung unserer begrenzten Ressourcen ist.

Auf der anderen Seite des Vorhangs ringt dann ein Kind um Luft oder schreit vor Schmerzen – das sind die Kinder, die eigentlich unsere ungeteilte Aufmerksamkeit benötigen.

 

Welche Tipps haben Sie für Eltern, die mit ihrem Kind zu Ihnen in die Notaufnahme kommen?

Erst einmal möchte ich allen Eltern versichern, dass wir Kinderärzte, Schwestern und Pfleger unsere Arbeit als Berufung sehen und uns jeden Tag dafür einsetzen, unsere kleinen Patienten bestmöglichst zu versorgen. Dabei muss uns aber auch zugestanden werden, Entscheidungen darüber zu treffen, wie wir die Ressourcen unseres Personals und der Klinik nutzen, um allen Patienten möglichst gerecht zu werden.

Da kann es passieren, dass ein Kind ohne akute Beschwerden längere Zeit warten muss. Es kann auch sein, dass wir die von den Eltern gewünschte Untersuchung ablehnen, weil sie uns aktuell aus medizinischer Sicht nicht notwendig erscheint. Ich würde mir wünschen, dass die Eltern dafür mehr Verständnis mitbringen.

Gleichzeitig kann ich allen Eltern nur raten, von Anfang an klar zu formulieren, was ihrer Meinung nach der Auftrag an uns ist. Manche Eltern kennen das Krankheitsbild ihrer Kinder sehr gut und wollen nur ein neues Rezept oder eine isolierte Diagnostik. Das im Vorfeld zu formulieren, hilft uns, die Kinder gezielter zu behandeln und unnötige Diagnostik zu sparen.

 

Ich sage Eltern immer: Wir sind die Experten für Kinderkrankheiten aber Sie – die Eltern – sind die Experten für ihr Kind.

 

Nur wenn wir gemeinsam handeln, können wir dem Kind wirklich gerecht werden. Deshalb ist es auch so hilfreich, wenn die Eltern Vorbefunde, Medikamentenlisten, das Gelbe U-Heft und den Impfpass mitbringen – das erspart uns oft viel Zeit und verhindert, das etwas übersehen wird.

 

Was an Ihrer Arbeit macht Ihnen am meisten Freude? Und was erfüllt Sie mit Stolz?

Die Arbeit mit Menschen erfüllt uns, glaube ich, alle jeden Tag mit Freude. Die Interaktion mit den Kindern, aber auch die Gespräche mit den Eltern und Bertreuern sind in unserem Beruf wirklich einzigartig und so komme ich jeden Morgen wieder gerne zur Arbeit.

Das Lächeln eines kleinen Mädchens, wenn es nach der Behandlung keine Schmerzen mehr hat oder die dankbaren Gesichter der Eltern, wenn man ihnen mitteilen kann, dass ihr Kind keine schwerwiegende Erkrankung hat – das sind die Momente, die alles andere wieder wettmachen.

Auch die Arbeit in unserem interdisziplinären Team ist einfach unheimlich motivierend – wenn komplexe und anspruchsvolle Notfallsituationen auftreten und Schwestern und Ärzte routiniert Hand in Hand arbeiten und innerhalb kürzester Zeit die Experten der verschiedenen Fachrichtungen am Bett stehen um die bestmögliche Betreuung der Patienten zu gewährleisten, dann ist das schon sehr beeindruckend und auch etwas, auf das wir stolz sein können.

 

Vielen Dank für dieses Interview!

 

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