© Mujo Kazmi

Kicken im Kiez

Mit Straßenfußball die Jugendlichen im Kiez verbinden und Orte schaffen für Respekt und Fairplay, das will die Initiative buntkicktgut. Konrad Locher ist der operative Leiter für den Standort Berlin. Seit 2015 organisiert er die Straßenfußball-Liga, in der Jugendliche die Regeln selbst aufstellen.

Der Schierker Platz ist von der Abendsonne in orangefarbenes Licht getaucht, als wir Konrad Locher treffen. Fast alle Kids kennen ihn hier. Mehrmals die Woche ist er auf dem Platz gleich neben dem Körnerpark in Neukölln als Standortleiter der Initiative buntkicktgut unterwegs. Seit 2013 gibt es die Straßenfußball-Initiative in Berlin. Die Idee: Jugendliche zusammenzubringen, auf eine friedliche und respektvolle Art und Weise, mit Straßenfußball eben.

In vielen verschiedenen Kiezen Berlins bietet buntkicktgut kostenfreie Fußballtrainings auf den Bolzplätzen an und veranstaltet Turniere. Dabei gibt es Ligen für verschiedene Altersgruppen. Neben den Angeboten auf den Bolzplätzen der Kieze leitet buntkicktgut auch sechs Fußball-AGs an Grundschulen. Das Konzept ist besonders, denn keine Erwachsenen trainieren die Kids, sondern Jugendliche selbst können Street Football Worker werden. Bei buntkicktgut werden sie zum Straßenfußball-Schiri ausgebildet und entscheiden im Liga-Rat alle gemeinsam über Entwicklungen im Projekt. Konrad Locher hat als Erwachsener dort keine Stimme: „Bei buntkicktgut gibt es feste Regeln und die werden von den Jugendlichen selbst geschrieben. Die ganze Liga ist ein Projekt, das durch Jugendliche entstanden ist.“

Kicken im Kiez | Berlin mit Kind
© Kristina Kast

Schon vor mehr als zwanzig Jahren entwickelte sich die Idee in München, wo Geflüchtete aus dem ehemaligen Jugoslawien die erste Liga aufbauten. Mit dem Geografen Rüdiger Heid fanden sie einen Mitorganisator und so kamen nach und nach mehr Jugendteams aus Gemeinschaftsunterkünften, Stadtteilzentren und von den Bolzplätzen hinzu. Die erste Liga wurde 1997 gegründet, dazu entwickelten sich ein Liga-Rat, Organisations-Teams und ein eigenes Straßenfußball-Magazin. Im Konzept von buntkicktgut stehen die Vernetzung in den Kiezen, die Beteiligung der Jugendlichen und die Basisarbeit durch Street Football Worker im Vordergrund.

Dabei gilt der peer-to-peer-Ansatz, also Jugendliche arbeiten mit Jugendlichen. Inzwischen hat die Initiative viele Standorte und zahlreiche Ligen in Deutschland, der Schweiz, in Togo. In Berlin zieht Konrad Locher die Fäden im Hintergrund des Projekts und koordiniert die ehrenamtlichen Jugendlichen und die Teilnehmer und Teilnehmerinnen: „Schon ab 14 Jahren kann man bei uns ehrenamtlich mitarbeiten und ich bin dann quasi der Arbeitgeber“, erklärt er. Konrad Locher ist nicht neu in dem Bereich. Der 29-Jährige arbeitet seit seinem Schulabschluss in sozialen Projekten mit. Mit 23 leitete er als Jugendsozialarbeiter bereits eine Einrichtung für mobile Jugendarbeit von Outreach im Märkischen Viertel. Mit Outreach und Hertha BSC tourte er über die Bolzplätze und veranstaltete Fußballturniere. Kein Wunder, dass er für buntkicktgut vor zweieinhalb Jahren ins Boot geholt wurde. Fußball begleitet ihn schon immer, auch privat spielt er im Verein.

 

„Die Jugendlichen müssen sich bewegen, sie haben überschüssige Energie – Fußball ist da ein gutes Ventil.“

 

Wichtig ist es, ein respektvolles Miteinander auf dem Platz zu schaffen: „Fairplay steht bei uns an erster Stelle“, sagt Konrad Locher. „Wir versuchen die Aggressionen rauszunehmen. Deshalb spielen wir auch auf Bolzplätzen mit Aus-Linien und nicht mit Banden.“ Punkte werden bei Fairplay übrigens genauso gezählt wie die Tore. Es gibt immer zwei Tabellen und neben den Spielpunkten wird hier vermerkt, wenn fair gespielt wurde. Am Ende jedes Spiels vergeben neben den Schiris auch noch die Teams Punkte und zwar für das jeweils andere. Da, wo auf Bolzplätzen oft Regeln von Spiel zu Spiel ausgehandelt werden, bietet buntkicktgut einen Rahmen, innerhalb dessen die Jugendlichen wirksam werden können. Den Rahmen haben sie zuvor im Liga-Rat allerdings selbst festgesteckt.

Kicken im Kiez | Berlin mit Kind
© Kristina Kast

2001 kam Konrad Locher als Kind nach Berlin, er ging hier zur Schule, hat hier seine Freunde. Neben der sozialen Arbeit ist seine zweite große Leidenschaft das Musik machen. Viele Jahre legte er nebenbei als DJ auf und baute sich schließlich sogar ein eigenes Studio auf. Als ihm die Leitung für buntkicktgut übergeben wurde, war dafür nicht mehr viel Zeit. Die Standortleitung ist eine Vollzeitaufgabe. „Ich sehe wahnsinnig viel Bedarf in Berlin, was das Projekt angeht. Wir wollen noch größer werden!“, sagt er. Momentan gibt es buntkicktgut in sechs von zwölf Bezirken.  „Ich würde die Kieze gerne noch mehr zusammenbringen!“

Ein Ziel der Initiative ist, dass einige von den jungen Erwachsenen, die jetzt schon ehrenamtlich dabei sind, auch ihren Weg ins Team machen können, bei buntkicktgut also eine langfristige Arbeit finden. Dazu will buntkicktgut in Berlin bald auch Ausbildungsplätze anbieten, den Bundesfreiwilligendienst kann man bereits absolvieren. Die Arbeit des Standortleiters besteht ebenfalls in der Vernetzung des Projekts mit den bestehenden Angeboten des jeweiligen Kiezes. Die Zusammenarbeit mit Jugendfreizeiteinrichtungen, Schulen, Vereinen und auch dem Berliner Fußballverband gehört fest zum Konzept von buntkicktgut.

„Fußballspielen holt einen aus dem Alltag heraus, man ist voll im Spiel, alles andere ist in der Zeit nicht wichtig“, sagt Konrad Locher, der überzeugt ist, dass über den Sport wichtige soziale Kompetenzen erlernt werden und Vorurteile abgebaut werden können. Kicken im Kiez heißt eben mehr als nur Fußball!

Die Team-Anmeldung für die Sommer-Liga läuft gerade! Alle Infos: www.buntkicktgut.de/berlin

Weitere inspirierende Porträts von Menschen mit Ideen und Visionen findet ihr hier:

Stadtgestalten