2016 besuchten die Autorin Bettina Schuler und der Fotograf Dominik Butzmann für unsere Titelgeschichte „Gekommen, um zu bleiben“ Initiativen, die geflüchteten Kindern und Jugendlichen das Ankommen in Berlin erleichterten. Es geht um Teilhabe, Zugehörigkeit, das Gefühl, sicher und willkommen zu sein. Heute wie vor zehn Jahren.
Die sogenannte „Flüchtlingskrise“ war damals in vollem Gang. 1,5 Millionen Schutzsuchende kamen von 2014 bis Juni 2017 nach Deutschland. Ein Großteil kam im Zeitraum Juli 2015 bis Februar 2016.

So schrecklich die Erlebnisse und Geschichten waren, die sie mitbrachten, so schön war es zu sehen, wie Deutschland und seine Bewohner:innen die Geflüchteten willkommen hießen. Der Slogan „Refugees are welcome here“ schien das erste Mal tatsächlich gelebt zu werden.
Nur acht Jahre später ist mit dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine der Krieg auch in unsere Nähe gerückt. Bis Ende 2022 wurden über eine Million Geflüchtete aus der Ukraine im Ausländerzentralregister erfasst.

Der überwiegende Teil von ihnen Frauen und Kinder. Wir haben uns gefragt, wie es den Geflüchteten im Schatten der immer rauer werdenden Diskussion um Migration und Integration geht. Welche Fragen treiben die Organisationen um, die sich für und mit Geflüchteten engagieren? Vor welche Herausforderungen sind sie angesichts dieser Entwicklung gestellt?
Integration von Kindern und Jugendlichen
Die Autorin und der Fotograf haben sich dafür zehn Jahre nach dem Erscheinen ihrer Reportage nun erneut auf Spurensuche begeben. Sie wollen wissen, wie sich die Situation für die Projekte und Geflüchtete verändert hat, die sie damals besuchten.
Willkommen im Rhythmus – wenn Musik zur gemeinsamen Sprache wird
Marie Kogge, die Projektleiterin von MitMachMusik Brandenburg, kann diese Frage sehr gut beantworten.

Mit der Initiative „MitMachMusik“ baut Geigerin Marie Kogge seit mehr als zehn Jahren musikalische Brücken für geflüchtete Kinder. Beim Musizieren, Singen und Tanzen können sprachliche Grenzen spielerisch überwunden und ein Gemeinschaftsgefühl erlebt werden.
Sie ist eine der Engagierten, die wir 2016 für unsere Geschichte interviewt haben. Die Initiative, die durch gemeinsames Musizieren geflüchteten Kindern und Jugendlichen gesellschaftliche Teilhabe ermöglichen will, stand damals noch ganz am Anfang.
Aus der wöchentlichen Stunde Musikunterricht, mit der die Initiative startete, sind 2026 neun wöchentliche Angebote an vier öffentlichen Orten in Potsdam geworden – mit vielen Gastspielen“ im ländlichen Bereich. Das Angebot richtet sich mittlerweile nicht mehr nur an geflüchtete, sondern auch an einheimische Kinder und Jugendliche aus einkommensschwachen Familien. Das Projekt ist in den letzten zehn Jahren deutlich gewachsen.

Einige Jugendliche sind schon von Anfang an dabei. So wie die 15-jährige Sanaz, die bei unserem Gespräch mit Marie eilig den Raum betritt. Marie nickt ihr kurz zu. Das Mädchen greift sich eine Geige und beginnt sogleich zu spielen. Der Glanz in ihren Augen, der dabei entsteht, verrät: Hier hat eine Jugendliche Spaß am Musizieren.

Später erzählt uns Sanaz, dass sie, als sie wegen eines Umzugs eine Zeit lang an den Kursen nicht teilnehmen konnte, das Geigespielen „wahnsinnig vermisst“ hätte. Ihre Bemerkung zeigt, wie wichtig verlässliche Räume für Kinder und Jugendliche mit Fluchterfahrung sind.
Andere, wie der Anfang zwanzigjährige Oleh, sind erst seit 2023 dabei. Er sitzt mit seiner Querflöte zwei Reihen vor Sanaz. Er arbeitet als Lehrer bei MitMachMusik. Wenn Marie mit ihren Schützlingen Konzerte im ländlichen Raum Brandenburgs unterwegs ist, dann ist Oleh häufig dabei.

Bei diesen Ausflügen, so Marie, habe sie in den letzten Jahren zweierlei Erfahrungen gemacht: Einerseits seien die Menschen sehr offen und neugierig und würden sich für die Kinder und Jugendlichen und deren Geschichte interessieren. Andererseits würden ihre Schützlinge in der S-Bahn oder auf der Straße zunehmend beleidigt werden. Sie rege sich jedes Mal darüber auf. Doch die Kinder sagten dann nur: „Marie, wir kennen das doch schon“. Ein Satz, der viel über die Ausgrenzung verrät, der die Kinder häufig ausgesetzt sind.

Es gibt aber auch die anderen, schönen Momente. Bei einem Konzert in Buchholz, so erinnert sie sich, sei letztes Jahr ein älterer Mann mit Rollator auf sie zugekommen. „Ich dachte schon, jetzt kommt‘s, jetzt fragt der mich, warum die alle nicht wieder in ihre Herkunftsländer gehen.“
Stattdessen erzählt er, wie er als bettelarmes Kind aus dem Osten Europas in diesem Dorf landete und dass für ihn damals nicht die Armut oder der Hunger das Schlimmste gewesen sein, sondern das Gefühl, nicht dazuzugehören. „Und dann haute er auf den Tisch und sagte: Diese Kinder sollen deshalb jetzt dazugehören.“ Ein Erlebnis, das für Marie zeigt, wie unersetzlich Orte der Begegnung für eine gelungene Integration sind.
Ankommen – wenn in der Manege das Vertrauen wächst
Eine alteingesessene Berliner Institution, die geübt darin ist, Menschen auf spielerische Art und Weise zusammenzubringen ist der Zirkus CABUWAZI. Das Team hat 2015, als immer mehr Menschen nach Berlin kamen, ihre bereits bestehenden Aktivitäten mit Kindern und Jugendlichen ausgeweitet und unter dem eigenständigen Programm CABUWAZI Beyond Borders gebündelt.

Das Projekt CABUWAZI Beyond Borders verbindet geflüchtete und Berliner Kinder durch Zirkustraining. Auch einige der Pädagog:innen und Trainer:innen wie der Artist Andrei haben eigene Fluchterfahrungen. Sich hoch hinaus zu trauen, gegenseitig Halt zu geben, über Sprachbarrieren hinweg gemeinsam etwas zu schaffen – Zirkustraining bekräftigt geflüchtete Kinder darin, Vertrauen und Selbstvertrauen aufzubauen.
Bei den Kursen, die im Rahmen dieses Projektes stattfinden, werden keine artistischen Höchstleistungen angestrebt. Vielmehr geht es darum, für die Kinder einen sicheren Ort in der neuen Umgebung zu schaffen, in dem sie sich frei und mit Freude bewegen und so Selbstvertrauen gewinnen können. Zugleich bietet ihnen das Zirkustraining die Chance ungezwungen und ohne Vokabelbuch in der Hand die deutsche Sprache zu erlernen.
Als uns die Leiterin von CABUWAZI Beyond Borders Ylva Queisser im Zirkuswagencafé an dem Standort in Tempelhof begrüßt, sind es draußen über 40 Grad. Kinder springen auf dem betonierten Vorplatz durch den Rasensprenger oder eilen in eines der drei rot-gelben Zirkuszelte, die auf dem Gelände stehen.

Außer dem Kinderlachen, den Gesprächen und dem Wasser, das der Rasensprenger auf dem Boden verteilt, ist nicht viel zu hören. Schnell ist klar, dass dieser Ort für die geflüchteten Kinder und Jugendlichen eine Oase der Ruhe und Geborgenheit ist, in der sie selbst sein können.
Es ist ein Safe Space, der ihnen in ihrem Alltag in den Gemeinschaftsunterkünften, in denen sie auf beengtem Raum mit sehr vielen fremden Menschen zusammenleben, fehlt. Und den sie für eine gesunde Integration dringend benötigen.

Andrei, der Leiter des heutigen Zirkustrainings, weiß, wie wichtig solche sicheren Orte sind. Der Zirkus CABUWAZI hat ihm selbst dabei geholfen, seinen Weg in einem fremden Land zu finden. Er ist Ende der 1990er-Jahre mit seiner Familie aus Moldawien nach Deutschland gekommen.
Nachdem er 1998 zum ersten Mal eine Show des Zirkus CABUWAZI gesehen hat, war seine Liebe für die Akrobatik geweckt. Und die brachte ihn erst zu den Zirkusworkshops, dann an die Staatliche Ballettschule für Artistik und später auf die Zirkusbühnen der ganzen Welt.

Heute ist der Artist ruhiger geworden und arbeitet als Trainer in Berlin. Die Arbeit mit den geflüchteten Kindern und Jugendlichen aus der Ukraine, zu denen aktuell der Großteil der Teilnehmenden gehört, ist für ihn eine Herzensangelegenheit. „Die Ukrainer:innen sind für mich wie Schwestern und Brüder.“
Die 30-jährige Laura Höer ist bei dem Projekt die Vertrauensperson der Kinder und Jugendlichen. Die studierte Psychologin wird dabei von einer ukrainischen Pädagogin unterstützt, die in der Gemeinschaftsunterkunft Tempelhof lebt. Für Laura ist es wichtig, dass die Kinder sich durch das Projekt auch neue Räume und Kontakte erschließen.
Deshalb unternimmt sie mit ihnen regelmäßig Ausflüge, zum Beispiel in den Berliner Zoo. Zudem gibt es ein einwöchiges Zirkuscamp, an dem sowohl die Kinder aus dem Nachmittagstraining als auch aus dem Beyond Borders-Projekt teilnehmen. So entsteht wie bei den Konzerten von MitMachMusik ein sicherer Ort der Begegnung, an dem sich heimische und geflüchtete Kinder und Jugendliche austauschen und gemeinsam wachsen können.
Weiterkommen – wenn sich auf dem Fußballplatz neue Perspektiven öffnen
Tuğba Tekkals sicherer Ort war der Fußballplatz. Als Kind kurdisch-jesidischer Eltern hat sie schon früh Ausgrenzung erfahren. Erst auf dem Fußballplatz hat sie sich zugehörig gefühlt. Dort konnte sie das Selbstvertrauen entwickelt, um ihren eigenen Weg zu gehen.

Mit ihrem Fußballprojekt SCORING GIRLS* stärkt Ex-Profi-Fußballerin Tuğba Tekkal Mädchen in Deutschland und im Irak. Der Teamsport vermittelt geflüchteten und benachteiligten Kids Mut und Handlungsstärke, um ihr Leben selbstbewusst und aktiv in die Hand zu nehmen.
Aus dieser Erfahrung heraus hat die ehemalige Profi-Fußballerin 2016 das Empowerment- und Sportprojekt SCORING GIRLS* gegründet. Dort werden Mädchen, unabhängig von ihrer sozio-ökonomischen Herkunft, Nationalität oder Glaubensrichtung vor allem über Fußball gestärkt, damit sie selbstbestimmt leben und gesellschaftlich teilhaben können.
„Aber eigentlich“, so Tuğba, „geht es um viel mehr. Es geht um Gemeinschaft, Teilhabe und die Erfahrung, dass die eigene Stimme wichtig ist.“ Viele Mädchen würden erst durch SCORING GIRLS* Fähigkeiten entdecken, von denen sie selbst nicht wussten, dass sie sie haben. „Sie lernen, Verantwortung zu übernehmen, für sich einzustehen und ihren Platz in der Gesellschaft einzufordern.“
Etwas ganz Besonderes war für Tuğba die Reise der SCORING GIRLS* nach Mexiko zum Street Child World Cup. Mädchen, die Krieg, Vertreibung oder große Unsicherheit erlebt haben und deren Aufenthalt in Deutschland teilweise noch immer nicht gesichert ist, durften dort genau das Land vertreten, das ihnen Schutz, Sicherheit und neue Perspektiven gegeben hat.
„Das“, so Tuğba, „war für mich ein unglaublich emotionaler Moment. Weil er zeigt, was Integration im besten Sinne bedeuten kann: Menschen bekommen eine Chance, und irgendwann geben sie etwas zurück mit ihrem Engagement, ihrem Talent und ihrer Zugehörigkeit zu unserer Gesellschaft.“

Tuğba sagt, dass die Polarisierung, der Hass und die Ausgrenzung in den letzten Jahren lauter geworden sind. Gleichzeitig sei aber auch die Unterstützung für ihre Projekt deutlich größer geworden. Denn immer mehr Menschen, Institutionen und Unternehmen würden verstehen, wie wichtig Empowerment, Chancengerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe sind.
Aktuell ist das Projekt an mehreren Standorten aktiv. In Köln, Berlin, München, im Irak und bald auch in Syrien. „Diese Entwicklung macht mich unglaublich stolz, aber sie bedeutet auch Verantwortung.“ Es sei aber trotz aller Erfolge ein täglicher Kraftakt, ein Projekt wie SCORING GIRLS* langfristig aufrechtzuerhalten.

Die Hoffnung überwiegt bei Tuğba trotzdem. Sie ist der Überzeugung, dass die große Mehrheit unserer Gesellschaft für Zusammenhalt, Respekt und Demokratie steht. Diese Menschen seien manchmal leiser als die Extreme, aber sie seien da und machen den Unterschied. „Deutschland war immer dann stark, wenn Menschen zusammengehalten haben. Daran glaube ich heute mehr denn je.“
Auch wir sind nach unseren Besuchen der Projekte voller Hoffnung. Wir haben Menschen erlebt, die sich weiterhin aus ganzem Herzen engagieren und die daran glauben, dass Menschen, die bei uns Zuflucht suchen, eine Bereicherung für unsere Gesellschaft sind. Das Gleiche gilt für die Kinder und Jugendlichen, die wir kennengelernt haben.

Sie sind voller Träume und Ambitionen und warten nur darauf, dass ihnen jemand eine Chance gibt, ihr Talent, ihr Können und Ideen in dieser Gesellschaft unter Beweis zu stellen. Projekte wie MitMachMusik, das Beyond Borders Projekt des Zirkus CABUWAZI und SCORING GIRLS* zeigen seit 2016, wie das konkret funktionieren kann.
Sanaz will trotz ihrer Liebe zur Musik nach dem Abitur lieber Jura studieren. „Ich möchte den Menschen, die nicht gehört werden, eine Stimme geben“, sagt sie. Noch sitzt sie allerdings mit ihrer Geige im Schoß zwischen den anderen Jugendlichen bei MitMachMusik. Dort spielt Oleh jetzt ein neues Lied auf seiner Flöte. Sanaz nimmt ihre Geige, setzt sie an und stimmt mit ein.
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