© Dominik Butzmann

Über alles sprechen können

Gute Kinder- und Jugendliteratur von heute ist mutig und relevant – und eben nicht nur für Kinder! Sie kann den, der sie liest, für immer verändern. Genau das wird vermutlich auch auf dem 18. internationalen literaturfestival berlin (ilb) bei verschiedensten Lesungen für Kinder und Jugendliche wieder passieren, die Christoph Rieger organisiert.

Der Tod, das Sterben, die Vergänglichkeit – keine leichte Kost. Mein persönlich intensivstes Literaturerlebnis beim ilb war sicher die Veranstaltung mit der niederländischen Kinderbuchautorin Bette Westera 2016. Kaum jemand kann eines ihrer Gedichte über den Tod aus „Überall und Nirgends“ verdauen, ohne dabei zu weinen. Müssen oder wollen Kinder so etwas überhaupt lesen? – Gegenfrage: warum nicht? Auch Kinder werden schließlich mit dem Tod konfrontiert und wollen Worte dafür finden, weinen können, ihre Gefühle verstehen.

Auch Kinder werden schließlich mit dem Tod konfrontiert und wollen Worte dafür finden, weinen können, ihre Gefühle verstehen.

Christoph Rieger, Leiter des Kinder- und Jugendbuchprogramms, freut sich jedenfalls sehr darüber: „dass manche Verlage sich so viel trauen, jenseits von Marktrealitäten! Klar, wir versuchen natürlich immer Autoren und Verlage einzuladen, die wirklich etwas anders machen, und da ist dieses Bette Westera-Buch ein total gutes Beispiel für das, was das Festival auch leisten kann und soll.“ Es ist ein schwieriges Buch und es wird bestimmt kein Bestseller. Doch wenn man sich damit beschäftigt, ist es ein Buch, das einen besonderen Wert hat und das man nicht vergisst.

 

Literaturfestival Berlin // HIMBEER
Das Publikum ist jung auf dem internationalen literaturfestival berlin (gilb). © Ali Ghandtschi

 

Eben diese wertvollen Bücher machen auch das diesjährige Kinder-Programm aus, für das in erster Linie Christoph Rieger verantwortlich ist. Als studierter Filmwissenschaftler und engagiertes Organisationstalent war er ein typischer Quereinsteiger beim ilb. Vielseitig, enthusiastisch und voller Leidenschaft hat er es sich zur Aufgabe gemacht, die Perlen herauszupicken: „Ich empfinde die zeitgenössische Kinder- und Jugendliteratur als irre reich und stark und sehr hochwertig. Und ich hoffe, dass wir mit den Festivals auch immer auf sehr besondere Bücher zeigen konnten, die andere vielleicht nicht so auf dem Schirm hatten.“

„Ich empfinde die zeitgenössische Kinder- und Jugendliteratur als irre reich und stark und sehr hochwertig.“

Von Sachbuch über Bilder-, Kinder- oder Jugendbuch bis Graphic Novel ist alles dabei. Im gigantischen Dickicht der Kinderliteratur lautet Riegers oberste Auswahl-Kategorie: das herausragende, literarisch überzeugende Buch! Oder eben eine einzigartige bildästhetische Sprache. „Und dann schauen wir natürlich, dass wir alle Länder oder Kontinente more or less berücksichtigen. Eine Themenvielfalt soll es auch geben – Mobbing, Liebe, Sexualität, Ausgrenzung, Gewalt und so weiter. Und natürlich gönnen wir uns ab und zu auch den ein oder anderen Star, bei dem wir sagen, das ist so eine wichtige Persönlichkeit, die müssen wir einfach hier haben, weil sehr viel Wichtiges gesagt wird.“

„Eine Themenvielfalt soll es auch geben – Mobbing, Liebe, Sexualität, Ausgrenzung, Gewalt und so weiter. „

So konnte beispielsweise die 95-jährige berühmte Schriftstellerin Judith Kerr mehrere hundert Schüler zum stillen Zuhören verleiten, als sie ihnen von ihrer persönlichen Fluchtgeschichte vor den Nazis und von ihrer besonderen Beziehung zu Berlin erzählte. Ausgewählte Moderatoren vermitteln während der Veranstaltungen zwischen Autoren und Kinderpublikum, schaffen so den Raum für intensiven Austausch. „Bildung ist natürlich ein guter Nebeneffekt – aber es ist ja ein Festival, also eine Feier von guten Büchern. Und klar, die Themenschwere ist gegeben. Aber es geht eben auch darum, bei einer Veranstaltung Spaß zu haben, Fragen zu stellen, ins Gespräch zu kommen.

Kinder bauen einen Turm aus Büchern, Internationales LiteraturFestival Berlin // HIMBEER
Hier werden Bücher nicht nur gelesen: Literatur Festival Berlin © Norman Konrad

Spaß scheint für dieses Jahr vorprogrammiert, wenn die schwedische Autorin Frida Nilsson ihr Publikum bei ihrer Eröffnungsrede hoffentlich ebenso herausfordern wird, wie sie es in ihren tragisch-komischen Kinderbüchern, zum Beispiel in der Hedvig-Reihe, regelmäßig schafft. Nilsson hat als Kind übrigens am liebsten Ronja Räubertochter gelesen. Das erfährt man in der festivalbegleitenden Ausstellung, auf der alle eingeladenen Autoren ihre Kinderbuchhelden preisgeben.

„Bildung ist natürlich ein guter Nebeneffekt – aber es ist ja ein Festival, also eine Feier von guten Büchern.“

Die diesjährige Retrospektive wird passenderweise Astrid Lindgren gewidmet, der Grande Dame der Kinderliteratur, die ihrerseits ebenfalls nie vor schwierigen oder traurigen Themen zurückschreckte, man denke an „Die Brüder Löwenherz“. Auch Frida Nilssons Geschichten treiben einem oftmals Tränen in die Augen.

Zum Teil vor Lachen, weil sie psychologisch brillant die alltäglichsten Dinge wie durch Kindermund auf den Punkt bringen kann, gleichzeitig scheut auch sie keine tiefgründigen Handlungsstränge zu Mobbing oder Tod. Jedoch verpackt sie diese, ebenso wie ihre Landsfrau Lindgren oder auch Bette Westera, geschickt mit einer gewissen Prise Humor, die einem – ob jung oder alt und bei aller Ernsthaftigkeit – im Leben ohnehin nie schaden kann. Das Fest der Bücher wird somit wohl auch in diesem Jahr wieder ein Fest der Emotionen.

literaturfestival berlin 05.-15.09.2018:
Unser Veranstaltungstipp

Zur homepage: www.literaturfestival.com

Regelmäßig porträtieren wir weitere inspirierende Persönlichkeiten:

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