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Stadtlandwirt

Max von Grafenstein, Gründer von bauerngarten, hat die Kartoffel nicht erfunden, aber kann den Städtern zeigen, wie sie wächst.

Mit neun Jahren hatte er seinen ersten eigenen Gemüsegarten, mit 14 saß er bereits auf dem Traktor – obwohl er von einem Bio-Hof stammt und ökologischen Landbau studiert hat, hat es Max von Grafenstein nach Berlin gezogen. Der junge Vater und Gründer von bauerngarten hat den Großstädtern eine Form des Gärtnerns gebracht, die ihnen den Zugang zu selbstgezüchtetem Gemüse ermöglicht. Viele teilen diesen Traum und pflanzen mit.

Was ist das Besondere am bauerngarten?

Ich glaube, wir stehen als Weltgemeinschaft an einem Scheideweg. Die Veränderungen, die sich in der Landwirtschaft in den letzten 30 Jahren vollzogen haben, sind beispiellos. Weltweit verschwinden kleine, lokal produzierende Betriebe und machen einer lebenszerstörenden Agrar-
industrie Platz. Das führt zu Hunger, Umweltzerstörung und sozialen Spannungen, was wiederum von der Entfremdung zwischen Erzeugern und Verbrauchern lebt.

Gärtnern für Städter: bauerngarten // HIMBEER
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Wir versuchen daher, im bauerngarten eine intelligente Arbeitsteilung zwischen Landwirten und Städtern zu leben, die eine kleinteilige Nutzung mit den modernen Methoden des professionellen, ökologischen Erwerbsgemüsebaus zusammenbringt.

Richtet sich das Angebot auch an Kinder?

Ich glaube, dass es enorm wichtig ist, Kinder mit ihren eigenen Sinnen erfahren zu lassen, wie sich aus einem Samen eine Pflanze und aus der Pflanze eine Frucht entwickelt, die dann als Gemüse zubereitet wird und auf dem Teller landet. Das kann kein Mensch in einem Buch oder in der Schule lernen. Bildungsangebote in diesem Bereich sind leider sehr unzureichend.

Für uns Erwachsene hat Gemüse immer etwas Magisches. Ich glaube, wer mal Gemüse angebaut hat, weiß, wovon ich rede. Kinder nehmen diese Magie sehr stark war! Das Gemüse bekommt Leben und Werdegang. Das prägt das Konsummuster der Kinder nachhaltig. Und sie sind unglaublich stolz, die eigene Ernte in den Händen zu halten.

Welche gesellschaftliche Bedeutung hat das Gärtnern?

Na ja, die Probleme wie ADHS, Fettleibigkeit und motorische Defizite kommen ja nicht von ungefähr. Da müssen wir als Eltern schon aktiv Gegenakzente setzten. Gärtnern wird zunehmend als Therapieform, ähnlich wie therapeutisches Reiten, erkannt. Es erdet, entschleunigt und schult die motorische Intelligenz.

Ernten als sensorische Erfahrung // HIMBEER
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Bohnenernten ist eine sensorische und motorische Meisterleistung. Da pflückst du hoch konzentriert eine halbe Stunde deinen Eimer voll und nimmst jede Bohne mit, auf dass dir keine alt wird. Dann setzt du dich kurz in die Wiese, entspannst die Augen und – schwups – hängen die Büsche wieder voll!

Wie genau können Kinder mitwirken?

Im bauerngarten ist das Beet erstmal bepflanzt. Es gibt auch eine strenge Fruchtfolge, mit der wir die Beete sortieren. Es ist also keine Spielwiese, wo Kinder ganz frei machen können, was sie wollen.

Unter Kindergartenalter macht es wenig Sinn, mit dem Gärtnern anzufangen, da sieht für die Kinder Pflanze aus wie Pflanze, und Erde ist braun und lecker. Das ist meine Erfahrung. Dann folgen eher die leichteren Sachen, Kartoffeln ernten, Salat ernten, Bohnen säen. Aber ich bemerke auch bei den Erwachsenen sehr große Unterschiede, was die Voraussetzungen angeht. Viele haben wenig bis keine Erfahrung.

Diejenigen, die als Kind regelmäßig mal daneben saßen, wenn Oma im Garten gewerkelt hat, wissen so viel mehr als diejenigen, deren Oma keinen Garten hatte.

Da muss man ganz anders anfangen mit der Wissensvermittlung.

Im Grünen blüht jedes Kind auf

Wie siehst du die Urban-Gardening-Szene?

Ein Grundgedanke von Urban Gardening ist die Schaffung neuer, konsumfreier Orte, bei denen Gemüsebau als Plattform für soziale Prozesse dient. Im Gegensatz zu vielen anderen Projekten in Berlin steht im bauerngarten aber der bodengebundene Gemüsebau im Vordergrund.

Ich halte nicht viel von Hochbeeten, das ist mir zu modellhaft und zu weit weg von dem, wie Lebensmittelversorgung für unsere Gesellschaft funktionieren kann. Das Miteinander ist bei uns zweckorientierter als in Gemeinschaftsgärten, eher wie eine Dorfgemeinschaft: Man sucht sich seine Nachbarn nicht immer aus und macht gerade deswegen das Beste aus der Beziehung.

Ich wünsche mir einen Garten

Wie gut eignen sich denn Berliner Boden und Klima?

Das Klima ist trocken und die Böden in Berlin halten wenig Wasser. Eine gute Bewässerung ist da der Schlüssel zum Erfolg. Für Garteneinsteiger rate ich zur Verwendung ökologischer Handelsdünger wie Hornspäne, Vinasse oder derartiges. Kompost oder gar Mist sind etwas für Fortgeschrittene, auch wenn die sehr, sehr wichtig sind für den Boden.

Wie soll es mit bauerngarten weitergehen?

Mit dem  Standort in Ahrensfelde, der 2018 an den Start gegangen ist, sind wir ein großes Stück weitergekommen. Aber das wird kaum reichen. Allein in Pankow haben wir über 300 Menschen auf der Warteliste und wir machen das alle, weil wir ganz real etwas an den Missständen ändern wollen. Die Ernährungswende muss Spaß machen!

Über bauerngarten

Die bauerngärten sind landwirtschaftlich professionell vorbereitete Parzellen, deren Pflanzen die Nutzer selbst pflegen und ernten. Gartenfern aufgewachsene Kinder lernen so, wie aus der Saat eine Bohne entsteht, wie viel dankbare Arbeit in der Landwirtschaft steckt und wie lecker das eigene Gemüse schmeckt. Das ist auch politische Arbeit: Viele Hände statt riesige Traktoren, Mischanbau statt Monokultur, Pankow-Gemüse statt Weltmarkt.
bauerngarten.net

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