© Anja Ihlenfeld

Reden hilft

Triggerwarnung – Es geht um den Suizid eines Teenagers, der im SPIEGEL thematisiert wird. Dabei handelt es sich um das jüngste Kind unserer HIMBEER-Gründerin und Chefredakteurin Anja, die in diesem persönlichen „In eigener Sache“-Text Stellung dazu nimmt, warum sie, ihre Familie und die Freund:innen von Victor öffentlich über den Suizid des 15-Jährigen reden.

Ich glaube fest daran, dass Reden hilft. Mir hilft es in der Trauer um meinen Sohn. Reden mit professionellen Menschen hätte Victor retten können.

Victor hat sich im Mai 2025 im Alter von 15 Jahren das Leben genommen. Eigentlich ist es müßig, darüber nachzudenken, ob es hätte verhindert werden können, denn nichts wird etwas daran ändern, dass er nicht mehr am Leben ist und schmerzlich vermisst wird.

Und doch muss darüber nachgedacht und gesprochen werden, was passiert ist, um andere Menschen zu schützen. Nicht nur die Jugendlichen, die selbst solche Gedanken haben, sondern auch alle anderen – Freund:innen, Mitschüler:innen, Pädagog:innen, Geschwister, Eltern – um sie herum, die kaum darauf vorbereitet sind, damit umzugehen.

Was wäre gewesen, wenn …

Abseits aller „Was wäre gewesen, wenn …“-Gedanken und Fragen, die man sich als Mutter stellt, wie man nicht erkennen konnte, dass das eigene Kind so ein Leid in sich trägt, wirft Victors Suizid und der Umgang damit ein paar Fragen an Schule und Gesellschaft auf, die weit über unsere persönliche Geschichte hinausgehen.

Warum wir öffentlich über Victors Suizid reden

Es gab Warnsignale. Wir als Familie kannten sie nicht. Die Jugendlichen, die versuchten, Victor zu helfen, sind an Erwachsene geraten, die sie und ihre Anliegen anscheinend nicht ernstgenommen haben. Nicht vor Victors Tod und auch nicht danach. Der SPIEGEL-Artikel erzählt davon aus mehreren Perspektiven.

Reden Hilft! Spiegel-Artikel „Tod Eines Teenagers“ Über Victors Suizid
© DER SPIEGEL 6/2026 vom 30.01.2026

Ich habe schon in meinem Text „Victors Fall“ zum Welttag der Suizidprävention über meine Motivation geschrieben, öffentlich darüber zu reden, damit endet auch der Artikel im SPIEGEL: Hätte ich jemals zuvor eine Geschichte wie Victors gelesen oder gehört, wäre ich hellhöriger gewesen.

Mein Bild von suizidgefährdeten Jugendlichen deckte sich überhaupt nicht mit dem von Victor. Ich hatte keine Ahnung, dass es nicht immer die Lauten sind, nicht immer diejenigen, die offensichtlich mit Problemen zu kämpfen haben, sondern häufig die Empfindsamen, die Leisen, die, die sich viel um andere kümmern und sich selbst vielleicht zu wenig wertschätzen.

Spiegel-Leser Victor Im Mai 2020, Ziemlich Genau Auf Den Tag 5 Jahre Vor Seinem Tod
Mai 2020 – Ziemlich genau auf den Tag fünf Jahre vor seinem Tod: Victor hat selbst gelegentlich SPIEGEL gelesen. © Anja Ihlenfeld

Ich muss es so klar zum Ausdruck bringen: Es geht mir nicht darum, von meiner eigenen Verantwortung für Victor abzulenken, indem ich andere Schuldige suche, aber es ist einiges schiefgelaufen im Vorfeld und im Nachgang zu seinem Tod.

Er hätte Hilfe bekommen sollen

Victor hätte professionelle Hilfe gebraucht und hat sie nicht bekommen. Obwohl der Schulsozialpädagogin mehrfach durch mehrere seiner Freund:innen von seinem vorangegangenen Suizidversuch sechs Monate vor seinem Tod berichtet wurde.

Sie rief mich damals im November 2025 nicht sofort, sondern Wochen später an. Ich bin mir sicher, dass in dem Telefonat weder von Suizidgedanken geschweige denn von einem Suizidversuch die Rede war. Und selbst wenn ich diese Information nicht hätte hören oder verstehen können, bleiben die Fakten, dass die Sozialpädagogin Victor nie persönlich gesehen oder gesprochen hat, niemanden sonst informierte – nicht Victors Vater, nicht den Klassenleiter, nicht den Schulleiter, nicht das SIBUZ – und weder nachfragte, ob er nun professionelle Hilfe bekommt, noch diese selbst einschaltete.

Es gibt wohl Richtlinien und Ablaufpläne für solche Fälle, aber wer sie kennt, wer darin geschult ist und ob sie dann befolgt werden, steht auf einem anderen Blatt. Weder Victors Vater André noch mir ging und geht es aber darum, jemanden zu beschuldigen oder anzuklagen. Auf unser Betreiben gab es eine Woche nach Victors Beerdigung ein Gespräch mit dem Schulleiter und der Schulsozialarbeiterin, bei dem wir genau das klar zum Ausdruck brachten: Dass unser Anliegen ist, aufzuklären, wie es dazu kommen konnte, dass Victor keine Hilfe bekam und was man daraus für die Zukunft und die anderen Jugendlichen lernen kann.

Es gibt einzelne Menschen an Victors Schule, die durch das Geschehen inzwischen besser sensibilisiert sind und auf Hilferufe reagieren, aber die offizielle Haltung und das Verhalten der Schulleitung und Senatsverwaltung werden der Situation in meinen Augen nicht gerecht.

Es ist keine Privatsache

Wir verwehren uns dagegen, wenn unsere Privatsphäre und Persönlichkeitsrechte als Begründung dafür herangezogen werden, nicht über Victors Fall zu reden. Wir haben schon zwei Tage nach Victors Tod und danach wiederholt, dem Schulleiter gesagt, dass wir offen damit umgehen, dass es sich um einen Suizid handelt, und es auch so kommuniziert werden darf.

Reden hilft, Suizide zu verhindern. Reden hilft, Suizide zu verarbeiten. Reden hilft, daraus zu lernen. Es braucht mehr Transparenz statt Tabuisierung, mehr Aufmerksamkeit und Aufklärung statt Angst und Abwehr bei Themen, die belastend und komplex sind. Wegschauen, Schweigen und unter den Teppich kehren sind jedenfalls nicht die richtigen Strategien und belasten die Betroffenen zusätzlich.

Es ist meiner Ansicht nach ein Irrglaube, man könne das Thema in der Schule von den Jugendlichen fernhalten, ob aus Angst vor einer Art Ansteckungs- und Nachahmungsgefahr oder aufgrund einer Denkweise, die Schule als Lehranstalt sieht, in der vor allem Wissen vermittelt wird, die psychische Verfassung der Schüler:innen aber Privatsache sei. Die Kinder und Jugendlichen reden eh. Und werden dabei alleine gelassen.

Suizidprävention in Schulen

Dabei gibt es gute Angebote von Expert:innen, erprobte Präventionsprogramme, Schulungen, Erfahrungen von Schulen, an denen Suizide geschehen sind, aus denen man lernen könnte, doch die Realität sieht an Victors und etlichen anderen Schulen leider anders aus. Die mentale Gesundheit junger Menschen scheint keine Priorität zu genießen.

Es braucht mehr Leute, die sich dafür einsetzen, dass darüber offener gesprochen und kompetenter gehandelt werden kann. Dass andere Eltern sich nicht aus der Deckung trauen aus Sorge um Nachteile für ihre Kinder, finde ich individuell nachvollziehbar, aber bestürzend.

Ich würde mir sehr wünschen, dass aus dem Umgang mit Victors Fall nicht der Eindruck bei Jugendlichen hängenbleibt, dass es besser ist, sich nicht einzumischen, nicht den Mund aufzumachen.

Nicht weiter kommentieren möchte ich, dass im Zusammenhang mit Victors Fall wiederholt gesagt und geschrieben wurde, es sei seitens der Schule „vorbildlich“ gehandelt worden. Selbst wenn dem so gewesen wäre – es ist ein 15-Jähriger gestorben. Dem – und davon bin ich überzeugt – geholfen hätte werden können. Und müssen.

Es ist nicht leicht, eine so persönliche und schmerzhafte Geschichte aus den Händen zu geben, aber ich bin der Autorin Frauke Hunfeld und der Fotografin Marlena Waldthausen ausgesprochen dankbar für die vertrauensvolle, empathische und rücksichtsvolle Zusammenarbeit, ihren treffenden Text und bewegenden Bilder.

Danke auch an alle, die ihre Anteilnahme zum Ausdruck bringen, und erst recht an alle, die sich für bessere Strukturen engagieren.

Hier findet ihr den SPIEGEL Online-Artikel (Paywall): spiegel.de
Erschienen ist er in der Printausgabe 6/2026 vom 30.01.2025

Reden und Hilfe holen

Telefonseelsorge: 0800-111 0111
Berliner Krisendiest: berliner-krisendienst.de
Jugendnotmail – Online-Beratung für Kinder und Jugendliche: jugendnotmail.de
Weitere Hilfeangebote in allen Bezirken:
 suizidpraevention-berlin.de/hilfe-finden
Freunde fürs Leben e.V. – Aufklärung und Suizidprävention für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene: frnd.de
tomoni mental health – gemeinnütziges Unternehmen, das auf die Früherkennung von Anzeichen psychischer Erkrankungen bei Kindern und Jugendlichen spezialisiert ist und wissenschaftlich fundierte Schulungen und Fortbildungen für Jugendliche, Pädagog:innen und Angehörige  anbietet, online und kostenfrei: tomonimentalhealth.org

Victors Fall

Mit HIMBEER groß geworden

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